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08.02.2013 — Wir wagen mal eine gänzlich unwissenschaftliche Prognose, stellen also eine sogenannte Behauptung auf. Sollte sie sich als richtig herausstellen, können wir dann nicht einmal behaupten, wir hätten recht gehabt, weil die Logik es will, dass auch falschen Prämissen ein richtiger Schluss folgen kann. Der Fall der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan verleitet uns dazu. Weil dahinter vermutlich ein viel tiefer liegendes Defizit der deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften steckt, als es uns oberflächliche politische Schadenfreude träumen liesse.
Unsere Prognose ist folgende: In den kommenden Jahren werden Dissertationen aus den 1970- bis 1990er-Jahre (und möglicherweise auch darüberhinaus) gleich reihenweise als wissenschaftlich dürftig, gedanklich unsolide und sprachlich lamentabel demaskiert werden. Es wird auch viele Prominente treffen, Politiker, Wissenschaftler, Berater – Wirtschaftsführer vermutlich noch am wenigsten, weil Märkte und Bilanzen die härtesten Prüfungen für solides Denken und persönliche Qualitäten darstellen.
Das Problem, auf das die jüngsten Doktorats-Demontagen – das prominenteste Beispiel ist neben Annette Schavan Silvana Koch-Mehrin – verweist, ist mutmasslich der allgemeine Zustand der akademischen Ausbildungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften Ende des 20. Jahrhunderts. Da wurde allgemein Handwerk wenig, Gesinnung und Beredsamkeit und der Hang zu aufgeblasenen, alles umfassenden Welterklärungen hoch gewertet.
Man kann Schavans Entrüstung über die Angriffe auf ihren Doktortitel verstehen, weil sie vermutlich subjektiv keine Schuld bei sich sehen kann. Sie hat – mutmasslich – bloss getan, was in der Zeit ihres Studiums üblich war: Viel Rhetorik betrieben, viel gute Gesinnung demonstriert und das Beharren auf handwerkliche Fertigkeiten eher als kleinliches Pedantentum und Kleingeisterei betrachtet.
Versagt haben zu dieser Zeit vor allem die Institutionen, die Universitäten, Institute, Dekanate, Rektorate, Kommissionen usw, usf., die professionelle Standards nicht durchzusetzen gewillt gewesen sind. Weil die daraus resultierenden Arbeiten eh nie jemand gelesen, geschweige denn analysiert hat, ist das lange Zeit bloss (entrüstet zurückgewiesenes) Gerücht geblieben. Die heutigen Plagiatsjäger (oder freundlicher -ermittler) räumen da nun auf. Sie werden noch reichlich und flächendeckend fündig werden.
Ist Frau Schavan damit entlastet? Leider nein. Auch wenn die Demontage ihrer Doktorarbeit bloss auf ein allgemeineres Malaise hinweist: Mangelhafte wissenschaftliche Standards bleiben mangelhafte wissenschaftliche Standards. Wenn’s allerdings einfach dabei bleibt, ein paar wenige Prominente hämisch abzustrafen, dann kann in den «Enthüllungen» wenig Hilfreiches gesehen werden. Die Doktorats-Krise ist erst ausgestanden, wenn aus den bisherigen Fehlern tatsächlich gelernt wird, und Wissenschaftlichkeit in den deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften nicht bloss weitverbreitet simuliert, sondern tatsächlich betrieben wird.
Dazu braucht es vermutlich vor allem eine intensive Diskussion wissenschaftlicher Standards, die neben den jüngeren Kritiken von Experimentaldesigns, die kaum repoduzierbare Ergebnisse generieren, auch formale Fragen zur Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse umfasst. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
