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Schönbergers «Musik und Emotionen»

10.07.2006 — Musik fasziniert die Menschen nicht zuletzt, weil sie – um die etwas altertümelnde, aber durchaus treffende Redewendung zu bemühen – das Herz zu rühren vermag. Ausgerechnet dieses fundamentale Erlebnis hat sich der direkten psychologischen Untersuchung bisher weitgehend entzogen. Dies liegt zum einen daran, dass nicht einmal die Grundbegriffe geklärt sind: Zur Natur der menschlichen Gefühle besteht keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Rahmentheorie. Zum andern lassen die messbaren physiologischen Begleiterscheinungen, die im Rahmen der klassischen empirischen Psychologie zugänglich sind – erhöhter Puls, Herzklopfen, Schwitzen, Erröten und so weiter – bloss indirekte und nicht zweifelsfrei deutbare Schlüsse auf das mentale Erleben zu.

Jeder, den Musik nicht unberührt lässt, kennt aber die Momente, wenn es einem «kalt den Rücken hinunter läuft» oder «den Atem raubt». Diese Momente des Erschauderns oder «Kicks» sind von recht gut isolierbaren physiologischen Reaktionen begleitet und könnten deshalb zu einer Art Stein von Rosetta bei der Untersuchung der emotionalen Aspekte des Musik-Erlebens werden.

Hier setzt das Buch «Musik und Emotionen – Grundlagen, Forschung, Diskussion» des österreichischen Musikpsychologen Jörg Schönberger an, das im Wesentlichen Datenmaterial aus einer im Jahr 2000 selber durchgeführten Internetumfrage zu derartigen starken Erlebnissen protokolliert. Der Präsentation der Ergebnisse schickt Schönberger einen nützlichen, leicht fasslich geschriebenen und anregenden Überblick über den Stand der Forschung zum Thema voraus.

Er konzentriert sich dabei nach kurzen Hinweisen auf frühere Arbeiten – zum Beispiel von Mitch Waterman oder Manfred Clynes – auf die Ansätze von John A. Sloboda, der solche Momente in Form sogenannter «Chills» oder «Thrills» physiologisch untersucht hat, und Alf Gabrielsson. Letzterer hat mit seinem Konzept der «Strong Experiences with Music» einen etwas umfassenderen Ansatz des emotionalen Erlebens gewählt, der auch physiologisch weniger fassbare Phänomene umfasst. Bei der Datensammlung hat der schwedische Musikpsychologe deshalb weitgehend auf verbale Antworten von Versuchspersonen zurückgegriffen.

Die Auswertung von 193 ausgefüllten Onlinefragebogen samt einer Fülle an schriftlichen Umschreibungen und Kommentaren führt Schönberger zu recht vagen oder banalen Schlüssen – unter anderem zur Einsicht, dass Slobodas Strukturmerkmale thrillauslösender Musik nicht nur in der klassischen Musik zu finden und dass solche Erlebnisse weit verbreitet sind.

Ein Kernproblem bei traditionellen physiologischen Methoden stellt – wie Schönberger richtig bemerkt – die Tatsache dar, dass sich «nur schwer Zusammenhänge zwischen der Art und Intensität einer physiologischen Reaktion und der Art und Intensität einer emotionalen Erfahrung herstellen» (24) lassen, nicht zuletzt, weil sich auch hier ein allgemeines Kernproblem bei der Formulierung eines griffigen Konzepts der Emotionen stellt: die Tatsache, dass Gefühlserfahrungen in komplexen Rückkoppelungskreisen aus physiologischen Wahrnehmungen und kognitiver Verarbeitung zu bestehen scheinen.

Schönbergers Bericht zu Stand der Dinge endet, ohne dass die Perspektiven aufgezeichnet werden, die sich in dieser Hinsicht mit den bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften öffnen. Vorwerfen kann man dies dem Autor allerdings nicht, denn die wichtigsten Arbeiten dazu sind erst nach der Durchführung der fraglichen Onlineumfrage publiziert worden.

PET-Untersuchungen (Positronen Emissions Tomographie) zur Frage nach Chill-«Erlebnissen» haben nach der Jahrtausendwende etwa Anne Blood und Robert Zatorre realisiert. Sie berichten darüber in dem Artikel «Intensely pleasurable responses to music correlate with activity in brain regions implicated in reward and emotion», der 2001 in den Proceedings of the National Academy of Science (98, 11818-23) erschienen ist.

Schönberger ist Betreiber der gut gemachten, Community basierten Webseite www.musikpsychologie.at, über welche die Onlineumfrage ursprünglich abgewickelt worden ist und auf der sich eine Fülle weiteren Materials zum Thema findet. Die Webseite definiert sich im Untertitel explizit als «Open Access & Open Source Online Magazin» und unterstützt mehrere Open Access Initiativen. Nicht ganz ohne Ironie ist da, dass ausgerechnet das Buch ihres Gründers nicht frei zugänglich ist, sondern auf ganz konventionellen Wegen käuflich erworben werden muss (eine Onlineversion der Arbeit ist allerdings unter der unten angegebenen Web-Adresse greifbar). (Rev 8.8.2006) (wb)

Jörg Schönberger: Musik und Emotionen – Grundlagen, Forschung, Diskussion, VDM Verlag Dr. Müller, Auflage: 1 (Mai 2006) , Mai 2006, ISBN 3865502490 Bei Amazon kaufen

Ergänzung vom 08.08.2006: Onlinefassung der Arbeit
psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2005/568/index.html

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