13.011.2006 — «Es affiziert mich Alles, was in der Welt vorgeht», schreibt der 28-jährige Robert Schumann an seine spätere Frau Clara Wieck. Alles in seinem Lebenskreis macht ihn betroffen, regt an, reizt, beeinflusst ihn. Die Breite der Interessen, die Sensibilität für Kunst und Leben, gepaart mit genialer Begabung und einer gewaltigen, schubweise strömenden Schaffensenergie, liess ihn – wie Ulrich Tadday, der Herausgeber des Schumann-Handbuchs, im Vorwort festhält – zum letzten Universalisten in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts werden. Derartig extreme Offenheit und Sensibilität birgt auch Gefährdung und Verletzlichkeit in sich.
Zur persönlichen Versicherung und Verankerung angesichts dieses sich weitenden Horizontes mit seinen vielgestaltigen, zur Auseinandersetzung fordernden Erscheinungen hat Schumann die Ereignisse seines Alltags und den Gang des Lebens pedantisch wie ein Buchhalter notiert in Tage- und Haushaltbüchern, Briefen und Aufzeichnungen – ein Glücksfall für die Biografen, die Schumanns Lebensweg praktisch lückenlos nachzeichnen können. Ganz zu schweigen von der Fülle an künstlerischen Äusserungen, in denen Schumann sein eigenes Werk und das Wirken vieler anderer Künstler reflektiert, begleitet und kommentiert hat.
Das Schumann-Handbuch sei, so der Herausgeber, «der Versuch, in einem Buch der Universalität von Schumanns Schaffen annähernd gerecht zu werden». Angesichts des komplexen, in viele Richtungen ausgreifenden Gegenstands ein hochgestecktes Ziel. Doch kein Zweifel: Das Schumann-Handbuch, dem raschen Nachschlagen wie dem intensiven Studium gleichermassen offen, führt das facettenreiche Wissen über den grossen Romantiker, sein Œuvre und die Rezeption, auf dem aktuellen Stand in kritischer Sichtung der Tradition zusammen und interpretiert es in verschiedenen Ansätzen. Eine umfangreiche und umfassende Publikation, ein Werk von Rang, Pflichtlektüre für alle, die sich mit Schumann und seiner Zeit auseinandersetzen wollen.
Dabei kommt nicht nur das Naheliegende, das von einem solchen Handbuch Erwartete zur Darstellung, vielmehr werden wichtige Teilaspekte in eigenen Beiträgen einbezogen: Tendenzen der Schumann-Forschung (von Gerd Nauhaus), Schumann in fremden Werken von Clara Wieck bis zur Neuen Musik mit chronologischem Verzeichnis von Kompositionen mit ausdrücklichem Schumann-Bezug (Wolf Frobenius), Schumann in Musikgeschichtsschreibung und Biografik (Frank Hentschel) oder das Schumann-Bild in der Belletristik (Mattias Wendt).
Ein exzellenter Auftakt unter dem Motto «Das Leben vom Werk her deuten»: Peter Gülkes Essay «Robert Schumanns jubelnd erlittene Romantik» bringt eine Analyse der Beziehungen des Genies zur Musik, zu den anderen Künsten und deren für Schumann einflussreichen Exponenten, fasst manche in späteren Kapiteln breiter ausgeführte Erkenntnisse übergreifend und verknüpfend zusammen.
Fragen zur Ästhetik sind drei Kapitel gewidmet. In «Robert Schumann und die Bildende Kunst» leuchtet Bettina Baumgärtel die ästhetisch-kunstphilosophischen Vorstellungen und die Beziehungen Schumanns zu bildenden Künstlern aus, desgleichen die Vernetzung unter den Kunstschaffenden, Künstlergesellschaften, Konsumenten und Vermittlern. Den Musikschriftsteller, Tagebuch- und Briefautor Schumann rückt Uwe Schweikert in den Mittelpunkt seines Beitrags «Das literarische Werk – Lektüre, Poesie, Kritik und poetische Musik». Das ästhetische Konzept, den Einfluss von Philosophen und Dichtern, den poetischen Realismus und den romantischen Humor untersucht Ulrich Tadday in seinem Artikel «Zur Musikästhetik Robert Schumanns».
Kompositionstheoretischen Grundlagen gehen Bernhard R. Appel und Hubert Moßburger nach, ersterer in einer detaillierten Untersuchung von Schumanns Schaffensweise von der Improvisation am Klavier bis zur Drucklegung der Komposition, letzterer in der Darstellung der poetischen Harmonik.
Der umfangreichste Teil des Bandes enthält einlässliche Analysen von Schumanns kompositorischem Lebenswerk, wobei auch eher abseitige Kompositionen gewürdigt sind und trotz detaillierten Einzelbesprechungen der übergreifende Zusammenhang nicht ausser Acht gelassen wird: Klaviermusik (Arnfried Edler, Joachim Draheim, Ulrike Kranefeld), Kammermusik (Irmgard Knechtges-Obrecht), Orchestermusik (Jon W. Finson, Peter Jost, Joachim Draheim) und Vokalmusik (Christian Tewinkel, Thomas Synofzik, Hansjörg Ewert).
Sämtlichen Beiträgen ist ein thematisch entsprechend ausgewähltes Literaturverzeichnis beigegeben. Am Anfang findet sich eine ausführliche Zeittafel von 1810 bis 1864 mit Notizen zur Biografie, zum Schaffen und zu den Erstausgaben. Im Anhang untergebracht sind das von Joachim Draheim erstellte Werkverzeichnis, das Werkverzeichnis nach Opuszahlen, das Verzeichnis der Autoren (14) und Autorinnen (5), zudem Personen- und Werkregister. (ws)
Schumann-Handbuch. Ulrich Tadday (Hrsg.). Mit 32 s/w-Illustrationen und Notenbeispielen. Gemeinschaftsausgabe der Verlage J. B. Metzler, Stuttgart, und Bärenreiter, Kassel 2006. 602 Seiten. € 64,95. Fr. 100.–. bei Amazon kaufen