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Schumann in Endenich, 1854 bis 1856

04.12.2006 — Die Tragödie begann um viele Jahre früher mit paranoiden Anfällen, trat aber mit Robert Schumanns selbstmörderischem Sturz in Düsseldorf von der alten Schiffsbrücke in den Rhein am Rosenmontag, dem 27. Februar 1854, in die finale Phase. Am 4. März wurde er in die Heilanstalt Endenich bei Bonn eingewiesen, wo er trotz gelegentlicher gesundheitlicher Besserung bis zu seinem Hinschied am 29. Juli 1856 blieb.

Während Schumanns Biografie durch eine Fülle von Dokumenten erhellt ist, nicht zuletzt durch die umfangreichen Selbstzeugnisse (Tage- und Haushaltbücher, Briefe, publizistische Arbeiten), blieb seine letzte Lebenszeit weitgehend im Dunkeln, wurde aus Respekt vor dem psychisch Kranken nur zurückhaltend erforscht, in der Musikwissenschaft die Schumann-Pathographie praktisch ausgeklammert.

Man behalf sich mit der Trennung von Kunstproduktion und Leben (obwohl Schumann stets deren Einheit betont hatte). Die einen gestanden dem Krankheitsverlauf keinerlei Einfluss zu auf den Schaffensprozess und dessen Ergebnisse, die anderen beurteilten das gesamte Œuvre unter dem Aspekt der Erkrankung. Immerhin konnte die jüngere Forschung seit den Achtzigerjahren Schumanns Spätwerk unter neuen Gesichtspunkten analysieren und rehabilitieren. (Ob die Folgerungen vom breiten Publikum entgegen liebgewonnener Ansichten auch so rezipiert werden, ist zumindest fraglich.) Nicht zu vergessen: Bereits 1960 hatte Eduard Melkus mit Artikeln den Anstoss zu einer Neubeurteilung von Schumanns letzter Schaffensphase gegeben.

Die Krankenakten – erstmals publiziert

Ein Desiderat der Schumann-Forschung war die dokumentarische Erhellung seines Aufenthalts in Endenich. In vielen Zeugnissen seiner Frau, von Freunden und Besuchern hatten die letzten gut zwei Lebensjahre Schumanns ihren Niederschlag gefunden. Der tägliche Krankenbericht jedoch blieb unter Verschluss – Grund: ärztliche Schweigepflicht.

Anfang 1988 kamen die tagebuchartigen Aufzeichnungen von Schumanns Ärzten Franz Richarz und Eberhard Peters auf verwandtschaftlichen Wegen in den Besitz von Aribert Reimann, der sich nun zur Veröffentlichung entschloss, um – wie er im Vorwort schreibt – «endlich einen Schlußstrich zu ziehen unter die ständigen Spekulationen, Verleumdungen und abenteuerlichen Erfindungen, die sich um Schumanns Aufenthalt in der Heilanstalt Endenich ranken».

Herausgeber Bernhard R. Appel, Robert-Schumann-Forschungsstelle, Düsseldorf, hat dem Band ein einlässliches kenntnisreiches Vorwort mitgegeben, in dem er unterstreicht, dass die Dokumentation sich darauf beschränke, Quellentexte vorzulegen und sie durch Sachkommentare zu erschliessen.

Appel umreisst vier Fragenkreise, auf die sich (der Interpretation unterliegende) Antworten bzw. Teilantworten finden: 1) Über Ursachen und Verlauf der Krankheit und die Therapiemassnahmen; 2) Wie Clara Schumann mit der Krankheit ihres Mannes umgegangen ist; 3) Wie Schumanns persönliches Umfeld und die Öffentlichkeit den Patienten wahrnahmen; 4) Welchen Handlungsfreiraum Schumann in der Klinik und unter den Restriktionen seiner Krankheit zu nützen vermochte.

Krankheitsverlauf und Tod

Den Kerntext der Dokumentation bilden die (nicht vollständig überlieferten) Krankenakten und der Obduktionsbefund. Die Texte – Krankenbericht, Briefe, Postkarten, Tagebucheinträge, Notizzettel, beschriebene Visitenkarten, Telegramme, Presseartikel – sind chronologisch unter den jeweiligen Tagesdaten geordnet, beginnend mit Schumanns Tagebucheintragung vom 10. Februar 1854 («Abends sehr starke u. peinliche Gehöraff[ec]tion.»), endend mit einer Reihe von Nekrologen. Einbezogen wurde ein Beitrag von Gerd Nauhaus, bis Herbst 2005 Direktor des Robert-Schumann-Hauses Zwickau, über die 1858 erschienenen «Mittheilungen des Dr. Richarz in Endenich bei Bonn über Robert Schumann’s Krankheitsverlauf und Tod» und Richarz’ Aufsatz über das selbe Thema von 1873.

Der Entscheid des Herausgebers, die Krankenakten der behandelnden Mediziner mit einer Vielzahl anderer Zeugnisse zu umgeben, besitzt zwei Vorteile: Zum Einen findet sich hier alles Wichtige (neue Materialien und in verstreuten Publikationen bereits Veröffentlichtes) über Schumanns letzte Lebenszeit versammelt, zum Zweiten füllen sie die durch Lücken in den Ärzte-Notizen nicht dokumentierten Wochen.

Die stichwortartig notierten Krankenberichte konzentrieren sich hauptsächlich auf Beobachtungen: Aussehen («Äußerste Abmagerung.»), Stimmungen («Gestern recht munter, freundlich, gesprächig.»), Verhalten bei Nacht und bei Tag («Beachtete kaum den Herrn Brahms bei einem Besuche.»), Tätigkeiten («spielte Gestern Klavier. Ging spaziren. Aß gut.»), Äusserungen («Sagte bei der Abendvisite er sey gesund her gekommen. hier aber krank geworden.»). Verzeichnet sind die verabreichten Medikamente, die verschriebenen Bäder, der Zustand der Pupillen, der Puls, die Atmung und, in penetranter Repetition, Häufigkeit und Konsistenz des Stuhls mit oder ohne Einsatz des «Clystiers».

Fakten statt Legenden

Die Lektüre all der Dokumente Clara Schumanns und vieler Zeitgenossen, der Krankenakte und der Berichte des Dr. Franz Richarz legen den Persönlichkeitsverfall Schumanns und die hilflosen Reaktionen seiner Umwelt offen. Der hohe Wert dieser Publikation ist auch darin zu sehen, dass sie Legenden entkräftet, an deren Stelle neue, durch Fakten gestützte Einsichten öffnet.

Dies gilt im Besonderen für das Verhalten Clara Schumanns, die ihren kranken Mann in Endenich nie besuchte – nicht aus eigenem Entschluss, sondern auf dringende Anordnung des Arztes. Claras Umsicht sei es «wahrscheinlich auch zu verdanken, daß Schumann nicht schon früher in eine Irrenanstalt eingewiesen werden mußte», folgert Franz Hermann Franken in seinem Beitrag zum ärztlichen Verlaufsbericht. «Die neuerdings zu hörende Legende vom Schumannschen ,Albtraumpaar‘ ist banal und mißachtet, daß Robert Schumanns Schicksal die größte menschliche Tragödie der deutschen Romantik ist.»

Ein erschütterndes Zeugnis

Die Einordnung und Interpretation der Krankenberichte bieten dem medizinischen Laien erhebliche Verständnisprobleme. Den Zugang erleichtern die vielen fachspezifischen Erläuterungen im über 1348 Fussnoten umfassenden, mit grossem wissenschaftlichen Aufwand erstellten Anmerkungsapparat im Hauptteil, zudem ein umfangreicher Essay von Prof. Dr. med. Uwe Henrik Peters («Erläuterungen zum Endenicher Krankenbericht Schumanns») und ein 1994 erstmals publizierter Artikel von Prof. Dr. med. Franz Hermann Franken zur Rezeptionsgeschichte des Krankenberichts.

Den Band beschliessen ein 77 Dokumente umfassender Abbildungsteil, Literaturverzeichnisse, Personenregister und das Register der erwähnten Kompositionen und Schriften Schumanns.

Die Publikation, als Ganzes ein erschütterndes Zeugnis, vereint erstmals in diesem Umfang die wichtigsten, von gründlichen Kommentaren begleiteten biografischen, kulturgeschichtlichen, medizinischen und psychologischen Quellendokumente zu Schumanns Verdämmern in der Endenicher Irrenanstalt. Zusammen mit dem Schumann-Handbuch (Verlage Metzler und Bärenreiter) teilt dieser für die weitere Forschung unverzichtbare Band den Rang als herausragende Veröffentlichung zum Schumann-Gedenkjahr 2006. (ws)

Robert Schumann in Endenich (1854–1856): Krankenakte, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte. Herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin, und der Robert-Schumann-Forschungsstelle, Düsseldorf, durch Bernhard R. Appel. Schumann Forschungen Band 11. Verlag Schott, Mainz 2006. 607 Seiten. € 34,95. Fr. 60.40, bei Amazon kaufen

siehe auch
Schumann-Handbuch
Heinrich Heine und Robert Schumann

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