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Sommerspiel I: akustische Metaphern

Von Wolfgang Böhler

 

06.07.2007 — In Typenbüchern findet sich die Theorie, dass Ohrenmenschen eher akustische Metaphern aushorchen, wenn sich Gedanken in ihnen innerlich Gehör verschaffen wollen. Augenmenschen sollen demgegenüber ihre Sätze bevorzugt mit farbenfrohen Sprachbildern schmücken. Da hat uns doch der Hafer gestochen (gehört der Ausdruck zur aussterbenden Gattung?), und wir wollten wissen, wie es die Musik in dieser Hinsicht tatsächlich hält. Die plattesten Bonmots sind da ja bloss ein sanftes Murmeln eines auf Leinwand gebannten Bächleins. Etwa diejenigen des österreichischen Musikhistorikers August Wilhelm Ambros («Musik ist die grösste Malerin von Seelenzuständen») oder des französischen Enzyklopädisten Jean Le Rond d‘ Alembert («Musik, die nichts malt, ist nichts als Geräusch»).

So sah ausgerechnet Pablo Casals eher Bilder als Klänge, wenn er gegen die Neue Musik vom Leder zog. Ihm wird das Zitat zugeschrieben, dass ihn Avantgardistisches an eine Wüste mit ein paar ausgespuckten Dattelkernen erinnere (vielleicht liegt der Reiz des Vergleichs hier ja im evozierten Geräusch des Spuckens).

Auch der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg hatte es eher mit Bildern als Klängen: Der Ausspruch «Aus einer Menge von unordentlichen Strichen bildet man sich leicht eine Gegend, aber aus unordentlichen Tönen keine Musik» wird ihm zugeschrieben. Salomonisch wiederum liest sich das Urteil von Hugo von Hoffmansthal: «Malerei verwandelt den Raum in Zeit, Musik die Zeit in Raum.»

Ein Ohrenmensch war dafür offensichtlich der Schriftsteller Theodor Fontane: Der Spruch «Man muss die Musik des Lebens hören. Die meisten hören nur die Dissonanzen» stammt von ihm. Und auch Paul Cézanne hatte es eher mit Klingendem als mit Augenfälligem. Er verstieg sich zur Behauptung, dass Kunst eine Harmonie sei, die parallel zur Natur verlaufe. Das dürfte der Natur mit der Zeit tierisch auf den Keks gehen.

In der bildenden Kunst werden dafür gerne auch akustisch scherzhaft anmutende, ja drastische Vergleiche gezogen: Der Satiriker Hans-Horst Skupy soll gesagt haben, dass uns bei Auktionen die Beziehung zur Kunst eingehämmert wird, und Karl Marx gab sogar noch einen drauf: «Kunst», so der Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker, «ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.» Pling, Pling, Pling…

Überhaupt scheint es bildenden Künstlern leichter zu fallen, über ihre Kunst in akustischen Metaphern zu sprechen, als Musikern über ihre in anschaulichen. Zum Trost ein Goethe-Zitat: «Der Musiker ist glücklicher als der Maler: er spendet willkommene Gaben aus, persönlich, unmittelbar, anstatt dass der letzte nur gibt, wenn die Gabe sich von ihm absonderte.» (Wilhelm Meisters Wanderjahre I,6). Was auch immer uns der Dichterfürst damit sagen wollte: recht hat er! (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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