Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Sommerspiel II: Wunderheiler John Cage

Von Wolfgang Böhler

 

20.07.2007 — Man kann sich fast nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der die Welt von Stille geprägt war und das Hören von Musik einem überaus seltenen, magisch anmutendem Ereignis gleichkam. (Ähnlich verhält es sich mit dem Licht und der Geräuschkulisse der Zivilisation, die früher selbst in den Städten nächtens einer pechschwarzen Leere und beinahe absoluter Ruhe Platz zu machen hatten.) In diesen mythischen Zeiten musste Musik immer und jederzeit von Menschen aus Fleisch und Blut und aus dem Moment heraus gemacht werden. Musikhören war untrennbar mit einem sozialen Akt verknüpft. Sie förderte nicht wie die heutigen MP3-Player asoziale Selbstbezogenheit, sondern den Dialog zwischen Menschen.

Da muss das Hören eines nicht sichtbaren, weil auf einer Empore verborgenen mehrstimmigen Chores in einer Kathedrale ein erschütterndes Erlebnis gewesen sein: Musik, die von nirgendwo und überall zu kommen und nicht von menschlichen Musikern erzeugt zu werden schien.

Sehr, sehr früh in dieser Zeit muss die Einsicht, dass Musik das einzige natürliche Phänomen auf Erden darstellt, das auf absoluter Genauigkeit und Regelmässigkeit beruht, einer unglaublichen Entdeckung nahegekommen sein. Alles andere – Pflanzen, die Topographie der Landschaft und so weiter – schien chaotische Formen zu besitzen, bloss in der Musik herrschte auf Erden Regelmässigkeit. Da daneben derartige Ebenmässigkeiten bloss noch im Lauf der Gestirne beobachtet werden konnten, scheint es begreiflich, dass Musik als Spiegel der kosmischen Gesetze verstanden werden musste.

Dieses Aussergewöhnliche hat die Musik verloren. Ihre Omnipräsenz macht heute viel mehr die Stille zum aussergewöhnlichen Ereignis, das für manchen einem metaphysischen Schrecken – vergleichbar abgründiger Generalpausen in Beethoven-Sinfonien – gleichkommt. Um diesem zu entgehen, gilt der erste Griff beim Aufstehen dem Radio und seinen «Muntermacher»-Sendungen. Ein erzählerischer Film ohne Musik ist praktisch nicht denkbar, selbst die billigste Seifenoper wird mit einem Klangteppich zum emotionalen Ereignis hochstilisiert. Und mehr und mehr reisst die Unsitte ein, sogar Dokumentationen und Nachrichten-Sendungen mit Musik zu unterlegen.

Wer heute noch immer will, kann sie zur Not kaufen, die Stille. Sie wird allerdings immer teurer. Zu Zeiten der opulenten Rock-Ola-Jukeboxes, die in der Gaststube um die Ecke mit warmem Ton die Hits von Elvis Presley und Karel Gott abspielten, gab es Vinylscherben mit nichts drauf, für einen Zwanziger konnte man sich so drei Minuten Ruhe erkaufen. Heute, da es keine solchen furnierten Chromstahlwunder mehr gibt, muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Dafür kann man sie mitnehmen, wohin man will: Für rund 9 Euro sind bei der Edition Peters 4’33’’ Stille zu haben, in Form einer Partitur zu John Cages gleichnamiger Komposition.

In einer Strassenbahn (die bei uns in der Schweiz «Tram» heisst) vertiefte ich mich einmal, um das beinahe schon metaphysische Erlebnis eines sich über Umweltgeräusche legenden Schweigens zu geniessen, in die Cage-Partitur. Dabei starrte mich ein Headbanger fassungslos an – mit Knöpfen im Ohr, an denen ein Ding hing das «Pffff Tsch Tsch Pffff Tsch» machte. Als ich zurückblickte, klopfte er irritiert an die Stöpsel links und rechts seines Hirns. Vermutlich hatte der Akku gerade den Geist aufgegeben.

Ich war’s nicht, und John Cage auch nicht, ich schwör’s. Vermutlich einer dieser erklärbaren Zufälle, der dem Phänomen des heute alles beherrschenden kosmischen Gesetz der Statistik zugeschrieben werden muss. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar