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Sommerspiel III: Musikalische Tiefe

Von Wolfgang Böhler

 

03.08.2007 — Wenn Musik von angeblich ganz besonderem Wert ist, so wird ihr gerne «Tiefe» zugesprochen. Tiefe Musik schätzen dann nur die Kundigen, ganz tiefe Musik bloss noch die, die guten Willens sind, und abgrundtiefe Musik zu verstehen, bleibt schliesslich das hohe Privileg weniger Geweihter. Bachs Kunst der Fuge oder Beethovens späte Streichquartette etwa versteht nur, wessen Seele die transzendenten Resonanzkammern eigen sind, die von den Dramen solch existentieller Bekenntnisklänge in Schwingung gebracht werden können. Nun kann man sich unter einem tiefergelegten VW Golf etwas vorstellen, unter einem Tiefflug oder unter Meerestiefe und meinetwegen auch unter einem tiefen Preis. Musik hat aber kein Chassis, das man absenken könnte, sie düst nicht röhrend direkt über unsere Köpfe und an ihrem Grund wühlen auch keine krabbelnden Urviecher Staub auf. Bloss billig sein kann sie auch, die Musik, aber auch das natürlich nur in – wenig tiefschürfendem – metaphorischem Sinn.

Das Erleben von Musik als eine Art Akt der Erkenntnis zu verstehen, hat halt eben seine Tücken. Ein Verständnis der tieferen Wahrheit, welche in der «Universalsprache der Gefühle» zum Ausdruck kommen soll, ist schon nur deshalb nicht möglich, weil Musik nichts zum Ausdruck bringt, schon gar nichts Universales und keine Gefühle (wessen denn auch) und auch keine Wahrheit, erst recht keine tiefere, und es ergo auch nichts zu verstehen gibt. Wohl kann Musik Emotionen wecken, aber das kann auch das erste Gebrabbel eines Kleinkindes – besonders diejenigen seiner Eltern –, ohne dass es gleich Antworten auf existentielle Fragen liefern würde.

Das Gefühl, im Erleben von Musik eine tiefe Erfahrung zu machen, gleicht viel eher der Überzeugung, aus den Sternen den Charakter eines Menschen lesen oder mit farbigen Steinen Energiefelder erzeugen zu können. Wer dran glaubt, schwört darauf, dass da tiefe emotionale Schichten angesprochen und jahrtausendealtes mystisches Wissen angerührt wird, wer nicht, der sieht bloss Schlafwandler, die ihre Selbstbezogenheit mit Welterkenntnis verwechseln. Und selbst wenn uns Musik im Konzertsaal abgrundtief erschüttert, finden wir uns Minuten später beim Cüpli, wenn wir es nicht vorziehen, dem Gefühl wie einer Erleuchtung unter Drogen noch etwas länger nachzusinnen und uns erst dann ans Cüplitrinken zu machen, oder meinetwegen hinters kühle Bier.

Zu glauben, Musik vermittle per se eine Botschaft und erst recht noch eine tiefsinnige, ist gefährlich. Diejenigen, die zu einer solchen Überzegung neigen, nutzen Musik als eine Art Rohrschach-Klatschbild, zu deren korrekten Deutung einzig sie fähig sind. Aufgrund ihrer felsenfesten inneren Überzeugung, zu den Auserwählten zu gehören, neigen sie zu Erhabenheitsgefühlen, weshalb es unter sogenannten Musikliebhabern leider eine Menge autoritärer Charaktere mit Tendenz zu (in der Regel humorloser) Belehrerei gibt. Und es bleibt eines der grossen Paradoxa des gemeinsamen Musizierens, dass man sich dabei auf geheimnisvolle Weise Eins fühlt, ohne die Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Freuden der Mitmusiker auch nur im geringsten wahrnehmen zu müssen. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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