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18.07.2008 — Weshalb gilt moderne Kunst als trendy, Neue Musik hingegen nicht? Weshalb ist in der bildenden Kunst das zeitgenössische Schaffen angesagt, in der Kunstmusik aber nicht? Es gibt dafür offensichtliche Gründe: Moderne Kunst kann man stückweise kaufen, als Objekte zur Möblierung eines Hauses und damit als Statussymbol nutzen. Da dies zur Zeit offenbar viele Aufsteiger aus Osteuropa und Asien tun, explodieren die Preise auf dem Kunstmarkt, und da dies alles auf Musik nicht zutrifft, kann mit Uraufführungen nicht in vergleichbarer Art Umsatz gebolzt werden.
Zudem kommt bildende Kunst den Bedürfnissen der Eventgesellschaft besser entgegen als Musik: Ein Bild, eine Plastik oder eine Installation können in Sekundenbruchteilen erfasst werden, und an einer Vernissage können die Besucher während der Kunstbetrachtung miteinander in Kontakt treten − smalltalken, sich austauschen, diskutieren, sich zuprosten, die Farbe des Kleides der Gastgeberin kommentieren, Orangensaft schlürfen…
Für Singles, eine der wichtigsten Gruppen der Ausgehgesellschaft, sind Vernissagen und Ausstellungen überdies eine willkommene Plattform der Begegnung, bietet doch die gemeinsame Betrachtung von Kunstobjekten eine erstklassige Gelegenheit, mit Fremden ungezwungen und unverfänglich ein Gespräch aufzunehmen.
Uraufführungen stellen diese Machtverhältnisse zwischen Kunst und Betrachter dummerweise auf den Kopf: Die Musik bestimmt, wann sie wahrgenommen werden will (nämlich während ihrer Aufführung) und sie verbittet sich dabei den Austausch zwischen den Zuhörern − eine Zumutung für alle, die nichts so sehr hassen wie Fremdbestimmung, und dazu gehört eben auch die Ausgehgesellschaft. Mit andern Worten: Im Buhlen um Aufmerksamkeit hat die Neue Musik kein gutes Blatt in der Hand.
Deshalb sind populäre Formen der Musik − Pop, Rock, Techno und Kastelruther Spatzen − so beliebt: Während ihrer Konzerte können die Zuhörer sich austauschen (verbal und körperlich) und wenn es ihnen zu bunt wird, problemlos mitten in einer Darbietung aufstehen, die Toilette aufsuchen, ein Bier trinken oder den Bratwurststand ausfindig machen. Das sind zwar relativ simple Vergnügungen, aber − seien wir mal ehrlich − so richtig behaglich wird das Leben halt eben erst, wenn man in entspanntem und friedvollem Ambiente die einfachen Bedürfnisse befriedigen kann, ob man nun Fussballfan ist oder sich im Museum lieber über die Befindlichkeit der Postmoderne als Metapher der brüchigen Wissensgesellschaft verbreitet. Wenn an Vernissagen statt Bier Prosecco und statt Bratwurst baskische Tapas gereicht werden, im Endeffekt geht’s ums Gleiche wie beim Gig der Rolling Stones.
Was der intellektuell anspruchsvollen Neuen Musik fehlt, ist diese Basis der bodenständigen Popularitätsgewinnung, das Happening, ein Ort, an dem man sich trifft, sich austauscht und ab- und zuhören kann − umgeben von Weltklasse-Erzeugnissen des zeitgenössischen Kunstschaffens, zu Zeitpunkten, die man selber auswählen kann und mit der Möglichkeit der Kommunikation mit Freunden und denen, die man gerne als solche sehen würde. Es fehlt das bodenständige Erlebnis, das neben der unabdingbaren musikalischen Bildung in der Schule breiteren Kreisen den Zugang zu den anspruchsvollen Werken der Kunstmusik schafft. Es fehlt ein Ersatz für die Gelegenheiten, die früher dafür gesorgt haben: Kirchgang und Kirmes.
Es fehlen aber auch die Werke, die für solche Anlässe komponiert würden, intelligente, freche, verspielte Musik, die neugierig machen würde auf Anspruchsvolleres. Nicht zuletzt deshalb haben die Ausläufer der gehobenen Salonmusik − Tango, Flamenco, Son, Klezmer, Neue Volksmusik und so weiter − Konjunktur: Weil sie geerdete, emotionale und doch musikalisch raffinierte Erlebnisse ermöglichen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
