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02.12.2011 — Suisseculture, der Dachverband der Schweizer Kulturverbände, äussert sich in einem Grundsatzpapier zur Förderpraxis der Pro Helvetia. Sie argumentiert gegen bestimmte Förderstrategien der Schweizer Kulturstiftung. Das ist gut. Das ist sogar sehr gut. Damit lanciert der Dachverband eine nationale Debatte über Kulturpolitik, die geführt werden muss, weil nur so die nächste Kulturbotschaft mehr sein wird als behördliche Verlautbarung.
So weit, so gut. Deutlich weniger überzeugend sind die inhaltlichen Argumente, die Suisseculture gegen die Pro-Helvetia-Strategien ins Feld führt. Im Wesentlichen kritisiert der Dachverband, dass Pro Helvetia eigene Programme und Initiativen lanciert und damit auf die Förderpolitik inhaltlich Einfluss zu nehmen scheint. Dies sei nicht Aufgabe der Kulturstiftung, meint Suisseculture. Vielmehr habe sie «zu prüfen, was an sie herangetragen wird. Sie soll Projekte von Kunstschaffenden und Kulturveranstaltern unterstützen, nicht selber welche lancieren.»
Weiter verlangt Suisseculture, dass «verbindliche Strukturen für den Austausch zwischen den Organen von Pro Helvetia und den Kulturverbänden geschaffen werden». Die Forderungen des Dachverbandes thematisieren im wesentlichen also Machtfragen: Wer hat worüber Entscheidungskompetenz?
Das tönt einerseits ziemlich nach Strukturerhaltung: Alles soll so bleiben wie bisher. Damit stellt sich natürlich anderseits auch die Frage, ob Suisseculture überhaupt legitimiert ist, im Namen der Kulturschaffenden zu sprechen.
Ob Wahlprozedere für die Verbandsorgane tatsächlich die demokratische Meinung von Kulturschaffenden repräsentativ abbilden, und ob sich an den Verbandsspitzen Interessengruppen breit machen, die Zeichen der Verfilzung und der Verfolgung von Partikularinteressen zeigen, ist dabei bloss ein Aspekt und ohne genauere Abklärungen auch nicht zu entscheiden.
Wichtiger ist die Einsicht, dass eine prinzipiell anarchistisch-chaotische Ansammlung von Individualisten mit Misstrauen gegenüber jeglicher organisierter Interessensvertretung – eine solche sind Kulturschaffende nämlich, und sie müssen es auch sein – sich politisch überhaupt durch Verbände vertreten lassen (wollen).
Das Problem haben alle Bereiche freier Kreativität. Das müssen zum Beispiel auch Softwarefirmen feststellen, die mit einer freien Entwicklergemeinde eines Projektes quelloffener Software (Open Source Software) in Beziehung treten wollen.
Sie müssen Verträge mit Communities abschliessen, in denen sie keine konkrete oder schnell wechselnde Ansprechpartner haben. Verbandsstrukturen haben immer etwas Konservatives, Ausschliessendes und Machterhaltendes. Das ist im Fall von Suisseculture nicht anders.
Pro Helvetia hat den Auftrag, Förderung von Kunstschaffen in einem möglichst offenen Setting zu betreiben. Wenn die Stiftung also nicht einfach alles so macht, wie sie es immer gemacht hat und dabei auch immer in etwa die gleichen Interessengruppen bedient (was offenbar der ausdrückliche Wunsch von Suisseculture ist), dann muss sie Versuchsballone in Form von thematischen Programmen und Initiativen starten.
Ob die Angebote der Programme auch Resonanz finden, ist dann die ehrlichste und direkteste Form der Akzeptanz, und nicht, ob sie Funktionären strukturerhaltender Verbände passen oder nicht.
An der faktischen Resonanz ist der Erfolg der Programme und Initiativen zu messen. Pro Helvetia würde einen Fehler machen, wenn sie versuchte, Programme à tout prix am Leben zu erhalten, die kaum etwas auslösen. Dass sie solche lanciert, ist aber – will sie ihren Auftrag korrekt erfüllen – geradezu zwingend.
Innerhalb von Suisseculture wiederum muss unbedingt eine differenzierte Debatte darüber in Gang kommen, was es denn bedeutet, die Interessen der Kulturschaffenden zu vertreten und welche Formen der Legitimation da entwickelt werden können.
Das heisst zuallererst, sich darüber Gedanken zu machen, wie Kunst- und Kulturschaffende dazu gebracht werden können, sich auf Basisebene in grosser Breite aktiv für ihre eigenen politischen Interessen einzusetzen.
Gelingt dies, dürften die entsprechenden Verbandstrukturen in einigen Jahren vermutlich ganz anders aussehen als heute. Die Organisationsformen der Open-Source-Bewegungen in der Softwarebranche könnten dabei ein mögliches Vorbild sein. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
