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Swiss Tenors – alles falsch gemacht

Von Wolfgang Böhler

 

12.10.2006 — Etlichen Wirbel haben die Swiss Tenors – eine Gruppe von drei smarten Sängern mit einem Repertoire leichter Klassik – verursacht, weil sie geplant haben, Falcos Skandalsong «Jeanny» neu aufzulegen. Das Lied des österreichischen Skandalsängers aus den achtziger Jahren erzählt die Geschichte einer Vergwaltigung aus der Perspektive des Täters. Aus «Jeanny» haben die Swiss Tenors «Natascha» gemacht, eine Reverenz an den Fall der in Wien entführten und acht Jahre lang gefangen gehaltenen Natascha Kampusch.

Lassen wir mal den Grundsatz «im Zweifel für die Angeklagten» gelten und gehen wir – auch wenn es zugegebenermassen schwer fällt – davon aus, dass die Swiss Tenors tatsächlich der Meinung gewesen sind, ihr Remake sei eine gesellschaftskritische und künstlerische Aufarbeitung des Falles Kampusch. Dann wären sie tatsächlich, wie in einer Pressemitteilung zu lesen stand, auf dem Wiener Zentralfriedhof gestanden und hätten dazu Falcos «Einverständnis gespürt» – eine Szene, die allerdings eher an amateurhaftes Schmierentheater denn an echte Betroffenheit gemahnt.

Auch in dieser für die Swiss Tenors freundlichsten Interpretation der Sache kommen die Festzelt-Glamour-Boys nicht gut weg. Wer es geschafft hat, sich über einschlägige Internetseiten genug von dem Song anzuhören, muss in diesem Fall nämlich am guten Geschmack der drei zweifeln: Ihr Falco-Aufguss ist offensichtlich ein billig abgefeuerter und plumper Schnellschuss.

Das Bemerkenswerteste ist, dass die Swiss Tenors in der ganzen Sache nun wirklich alles falsch gemacht haben, was man falsch machen kann. Das beginnt zum ersten bereits beim Glauben, irgendwer könnte an einem solchen Unsinn Gefallen finden.

Zum zweiten haben sie die Brisanz des Themas auf fatale Weise unterschätzt. Offenbar haben sie ein von der Spassgesellschaft portiertes Weltbild verinnerlicht, nach dem private Schicksale nolens volens für öffentlich-kommerzielle Zwecke und exhibitionistischen Zynismus verfügbar zu sein haben.

Zum dritten haben es die drei Tenöre unterlassen, die Rechte an dem Song und – vor allem anderen – das Einverständnis Natascha Kampuschs – einzuholen. Alles weitere konnte ja nur schiefgehen, weil dadurch der Verlag, der die Rechte auf Falcos Original hält, einen Steilpass erhielt. Der kann sich nun entrüsten und sich als moralische Instanz positionieren.

Zum vierten – und das ist fast das Schlimmste – haben sich die drei selbst dann noch stur und uneinsichtig gezeigt, als der Rest der Welt das richtige Urteil über das Unternehmen bereits gefällt und sich Gästebücher, Internetforen und Zeitungspalten mit Protesten und entrüsteten Kommentaren füllten – ohne dass sich (gottlob) auch nur eine einzige Stimme zu ihrer Verteidigung erhoben hätte.

Es steht zu befürchten, dass vor allem dieses Bild einer zu menschlichem Feingefühl unfähigen Gruppe postpubertärer Provinzunterhalter an den Swiss Tenors hängen bleiben wird – ob sie künstlerisch nun zu mehr fähig sind oder nicht. Die einzige Option, die den drei eigentlich bleibt, wenn sie als Gruppe eine Zukunft haben wollen, ist eine ehrlich gemeinte und von Einsicht geprägte öffentliche Entschuldigung für den angerichteten Schlamassel.

Einen souveränen Kommentar zu dem Debakel hat im übrigen Natascha Kampusch selber gegeben. In der Schweizer Abendzeitung «heute» meint sie, die ganze Sache sei einfach Mist. Ein besseres Schlusswort zu der traurigen Geschichte kann man sich kaum vorstellen. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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