22.06.2006 — «Handbuch Üben» nennt sich eine Sammlung unterschiedlichster Beiträge zu Fragen der täglichen Beschäftigung mit einem Instrument oder der eigenen Stimme. Als Herausgeber des Bandes wirkt der Berliner Musikwissenschaftler und Pädagoge Ulrich Mahlert, der dem einschlägigen Publikum auch als Mitherausgeber der renommierten Zeitschrift «Üben & Musizieren» bekannt ist. Laut Selbsteinschätzung im Vorwort richtet sich das Buch an alle Musizierende, seien diese nun Berufsmusiker, Amateure, Schüler und deren Eltern, Studierende und Lehrende. Nach einem Definitionsversuch zum Begriff «Üben» durch Ulrich Mahlert widmen sich Eckart Altenmüller und Horst Hildebrandt den physiologischen Aspekten des Themas und Anselm Ernst der Didaktik des Übens. Allgemeinere Aspekte präsentieren Christoph Richter («Üben als Musizieren»), Renate Wieland («Mimetisches Üben»), Wolfgang Rüdiger («Üben im Ensemble»), Herbert Wiedemann («Improvisieren üben – Beispiel Klavier»), Michael Dartsch («Üben im Vorschul- und Grundschulalter») sowie Marion Saxer («Spiel- und Übe-Anweisungen für motorische Automatisierungsprozesse beim Instrumentalspiel»).
Speziellen Techniken widmen sich Artikel zu Edwin E. Gordons Lerntheorie (Almuth Süberkrüb) und dem «Üben im Flow» in Anlehnung an die Theorien Mihaly Csikszentmihalyis (Andreas Burzik). Christian A. Pohl nimmt sich überdies Aspekten des mentalen Übens an. Das Buch klingt aus mit eher essayistischen Beiträgen von Wolfgang Lessing («Zuhören?»), Gerhard Mantel («Üben und Sprechen»), Volker Biesenbender («Von der Wiedereroberung des Selbstverständlichen») und Peter Rübke («Vom Umgang mit Fehlern beim Üben»). Den endgültigen Schlusspunkt setzt eine als Gespräch konzipierte Tour d’Horizon über Wahrnehmungs- und Balanceübungen.
Der Titel «Handbuch» dürfte Erwartungen des einen oder andern Lesers in die Irre führen, hat die Sammlung doch kaum den Charakter eines Nachschlagewerks. So fehlen sowohl ein Personen- als auch ein Sachregister, und auch auf ein Glossar zu den teils recht speziellen Fachbegriffen in einzelnen Artikeln haben Verlag und Herausgeber verzichtet. Auch das Layout und die gewählten literarischen Formen erschweren die Nutzung des Bandes als Kompendium. So wirkt etwa das Stilmittel des Gesprächs für den abschliessenden Text zur Präsentation konkreter Übungen seltsam unangemessen, und viele der Illustrationen sind offensichlich so gestaltet worden, dass sie wesentlich grösser hätten gedruckt werden sollen, als dies der Fall ist.
Die Artikel bewegen sich auch auf unterschiedlichem Niveau. Hochklassige und konkrete Leitfäden wie etwa Renate Wielands Erörterungen zum mimetischen Üben stehen neben Skizzen eher elementarer Anfängertechniken wie Herbert Wiedemanns spröde Tipps zum Improvisieren. Und eher abschreckende Ansammlungen inflationär anmutender Spezialbegriffe wie in dem Grundriss der Theorien Gordons reiben sich an überaus anregend wirkenden Hinweisen wie Pohls Gedanken zum mentalen Üben.
All diesen Einwänden zum Trotz dürfte der mit sichtlichem Engagement und souveränem Wissen zum Thema zusammengestellte Band seine Leserinnen und Leser finden und hier und dort Denkprozesse zu dem in Gang setzen helfen, was Musiker und Pädagogen Tag für Tag in ihrem Streben nach technischer Perfektion und musikalischer Erfüllung so alles unternehmen. (wb)
Ulrich Mahlert (Hg): Handbuch Üben – Grundlagen, Konzepte, Methoden, Verlag Breitkopf & Härtel, 2006 Wiesbaden, 416 Seiten, ISBN 3-7651-0314-4, 33 €. Bei Amazon kaufen