06.03.2007 — Was 1981 als einbändige Ausgabe geplant war, uferte im Lauf der Arbeit aus, erst auf zwei, dann auf drei, schliesslich auf fünf Bände mit 3738 Seiten. Nun ist sie im Ganzen überblickbar, die Welt der Oper und ihrer Geschichte in der Sicht des 1936 geborenen Musik- und Theaterfachmanns Ulrich Schreiber.
Dass das Unterfangen nicht nur sein Opus magnum geworden ist, sondern auch eine in ihrer Art unvergleichlich breit angelegte und tief lotende Geschichte des Musiktheaters, ein inhaltlich und stilistisch glanzvolles Meisterwerk, ist zwei Umständen zuzuschreiben: dem breiten Wissen des Autors und (damit zusammenhängend) dem von ihm gewählten Konzept. Nicht einen weiteren jener traditionellen, vom Inhalt der isoliert betrachteten Werke dominierten Führer durch den kanonisierten Bestand schuf Schreiber, sondern eine Gattungsgeschichte, in der die Opern in grössere Zusammenhänge gestellt sind: in die historischen und politischen Bezüge, den sozialen Kontext, ins über Europa hinaus geweitete geografische Umfeld. Die Oper als Spiegel des Menschen, seiner Ästhetik und Mentalität unter sich verändernden Lebensbedingungen.
Mehr als einmal war die Herausgabe gefährdet. Es begann schwungvoll bei der Büchergilde Gutenberg; 1988 lag Band 1 vor. Zehn Jahre später – der Verlag war in finanzielle Schieflage geraten – konnte Bärenreiter als Koproduzent und Retter in der Not gewonnen werden. Und nun hatte Schreiber auch eine hilfreiche Lektorin – gestartet war er als Einzelkämpfer, der zusätzlich zum Inhalt das diesem adäquate, typografisch gediegene Layout bestimmen konnte.
«Die Kunst der Oper», wie sie in der Büchergilde betitelt war, wurde bei Bärenreiter zum «Opernführer für Fortgeschrittene». Was manche in die Irre führen (und vom Kauf abhalten) könnte, denn Ulrich Schreiber setzt nicht den Wissensstand enragierter Opernfans voraus. Er versteht es wie kein zweiter, einzelne Werkbesprechungen und Komponistenporträts mit der Geschichte der Gattung zu verknüpfen, in der die breiten Entwicklungsstränge wie auch die Nebenlinien und Vereinzelungen einbezogen werden. Und er verfügt über didaktisches Geschick, die Fähigkeit, die Materialfülle klar zu gliedern, desgleichen über die Kunst, Sachinformation und persönliche Interpretation in geschliffene Formulierung zu fassen. Jedem Band beigegeben sind Quellenangaben, Glossar der Fachbegriffe, Opernregister und Personenverzeichnis. Alles in allem Vorzüge, die nicht zuletzt dem interessierten Laien entgegenkommen und ihm die Orientierung im Gang durch alle Epochen der kontrastreichen, zuweilen verworrenen Operngeschichte erleichtern.
Ein weiterer gewichtiger Vorteil: Drei der fünf Bände sind dem Musiktheater des 20. Jahrhunderts gewidmet. Während Band 1 von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Band 2 durch das 19. Jahrhundert führt, widmen sich die folgenden Teile der Oper von Verdi und Wagner bis zum Faschismus, dem Musiktheater in Deutschland und Italien ab 1945, in Frankreich und Grossbritannien, dann im abschliessenden Band der Oper in Ost- und Nordeuropa (mit den Kapiteln Strawinsky und Janácek), den Entwicklungen ausserhalb des Hauptwegs (Portugal, Spanien, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland) und der interkontinentalen Verbreitung (die Oper in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Kanada, Afrika, im Nahen und Fernen Osten).
Eingehend behandelt sind Komponisten, Komponistinnen und ihre Werke, denen man in keinem anderen Opernführer in derart detaillierter Würdigung begegnen kann. Ein Reichtum an Informationen, an klugen Erwägungen und einsichtig formulierten Urteilen! Viertausend Opern und vier Jahrhunderte: ein spannendes Studien- und Lesevergnügen. (ws)
Ulrich Schreiber: Opernführer für Fortgeschrittene. Die Geschichte des Musiktheaters. Das 20. Jahrhundert III: Ost- und Nordeuropa, Nebenstränge am Hauptweg, Interkontinentale Verbreitung. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2006. 692 Seiten. € 47,50. Fr. 85.50. Alle fünf Bände zusammen € 199,–. Fr. 358.20. bei Amazon kaufen