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17.01.2006 — In den vergangenen Wochen haben wir Veranstaltern, Interpreten und Komponisten von Neuer Musik und Zeitgenössischem Jazz ein paar grundlegende Fragen zum Kulturbegriff, zur Kulturförderung und ihrem Verhältnis zum Publikum gestellt – in der Meinung, dass für die anstehende Diskussion zum geplanten neuen Schweizer Kulturförderungsgesetzes (KFG) begriffliche Klärungen hilfreich sein könnten. Die Antworten sind etwa so komplex und mehrdeutig wie alle Diskussionen im semantischen Minenfeld der Kunst- und Kulturdiskussion. Selbst die recht kleine und personell übersichtliche Schweizer Szene aktuellen Kunstmusikschaffens hat keine Unité de Doctrine mit Blick auf grundlegende Konzepte des Kulturverständnisses – mit andern Worten: Die Szene gibt es nicht, Neue Musik und Zeitgenössischer Jazz äussern sich einem alten politischen Treppenwitz der Schweiz gemäss, nämlich von «Kanton zu Kanton verschieden».
Aus den Antworten lassen sich aber zumindest zwei Tendenzen ablesen: Zum einen bestehen die Befragten darauf, dass ihre Arbeit mehr ist als bloss abstrakte Art pour l’art. Zum andern ist man offenbar eher der Meinung, dass Neue Musik nicht zum Vehikel politischer Anliegen werden sollte (möglich, dass dies vor zwanzig Jahren noch anders gewesen wäre). Damit zeichnet sich ein grundlegender Konflikt zwischen Kulturförderern und –schaffenden ab: Die Absicht, über Institutionen der Aussenpolitik Kulturförderung auch als Ausdruck nationaler Identität zu verstehen und sie als Mittel der Standortförderung zu nutzen, scheint sich schlecht mit der Selbstdefinition der Künstler und deren eigener Agenda vereinbaren zu lassen.
Die Kommentare zum Kulturbegriff, der dem KFG zugrundeliegt, lassen überdies eine weitere Dissonanz erahnen: Unter dem Dach der «Kultur» hat in den letzten Jahrzehnten so viel Unterschlupf gefunden, dass er unter dem Gewicht der eigenen Beliebigkeit zu kollabieren droht. Viele Musiker sehen sich als Vertreter einer selbstbewussten und autonomen Zunft des Kunstschaffens, das sie vom Jekami aus Lifestyle, Volkstum, Kunsthandwerk, Design und allgemeinem Lebensgefühl gerne klarer abgegrenzt sähen. In der gut schweizerischen Tradition des Ausgleichs und Minderheitenschutzes kann Kulturförderung politisch aber nur gerechtfertigt werden, wenn sie irgendwie allen zugute kommt.
Mit Interpretationen ist es allerdings so eine Sache. Möglich, dass andere aufgrund der Zahlen zu andern Schlüssen kommen als wir selber. Es ist deshalb jeder eingeladen, sich selber sein Bild zu machen: Die Resultate der Umfrage lassen sich hier herunterladen. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
