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Verdikte über Musik

12.12.2005 — Aus dem Wörterbuch des Musikkritikers: anti-intellektuell, banal, billig, dilettantisch, epigonal, geschmacklos, kitschig, langweilig, naiv, kompositorisch rückständig, substanzlos, trivial, müder Aufguss, Filmkulissenmusik, dünnflüssige Affigkeiten.

All jenen, die sich rezensierender- und schreibenderweise mit Musik befassen (müssen), gibt Friedrich Geiger mit seiner Dokumentation «Verdikte über Musik 1950–2000» hilfreiche Wortschatzerweiterung für Nörgeleien, Schmähungen und verbale Rundumschläge. Fleissig zusammengetragen hat er 450 entsprechende Zeugnisse – in der Regel Abschnitte von Artikeln – aus der klassischen Musik, aus Jazz, Pop und Rock und sie nach Komponisten, Musikgruppen oder Künstlern alphabetisch von Louis Andriessen bis Walter Zimmermann geordnet.

Klangvolle Namen sind unter den säuerlich Bekrittelten und den furios Abgekanzelten – als oft Gerügte etwa Henze, Kagel, Menotti, Messiaen, Schönberg, Schostakowitsch und Stockhausen. Im Reigen der zitierten Verfasser findet sich manche illustre, über lange Erfahrung im Rezensenten-Metier verfügende Persönlichkeit, was allerdings nur jene erstaunt, die der Überzeugung sind, dass ein nicht a priori auf Lob getrimmter, nicht selbst dem Ausgefallensten holder Kritiker seine fachliche (und sprachliche) Inkompetenz beweist.

Friedrich Geiger (geb. 1966, Privatdozent an der Universität Hamburg, Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Seminar der FU Berlin im Sonderforschungsbereich 626 der DFG «Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste») hat die Mehrzahl der Beurteilungen nach systematischer Durchsicht Fachzeitschriften entnommen, vor allem «Melos», «Österreichische Musikzeitschrift», «Schweizerische Musikzeitschrift», «Musica», «Rolling Stone» (amerikanische und deutsche Ausgabe), «Jazz-Podium» und «Down Beat» (amerikanische Ausgabe). Punktuell wurden zudem exemplarische fach- und populärwissenschaftliche Literatur sowie Presseartikel berücksichtigt.

Die Rezensionen beziehen sich einerseits auf Live-Wiedergaben (Uraufführungen, europäische Erstaufführungen, Musiktheater, Konzerte, Festspiele), andrerseits auf Tonträger-Besprechungen (LPs und CDs). Die Werkdaten und die Quellen sind, getrennt von den nur mit der Jahreszahl der Publikation versehenen Dokumenten, im vierten Teil des Buchs nachgewiesen.

Die Ausschnitte (oft wären der Zusammenhang und die Gewichtung der zitierten Teile innerhalb des ganzen Artikels aufschlussreich) kranken erstaunlicherweise häufig an einem grundsätzlichen Mangel: dass Kritiker – Kritikerinnen gehören zu einer raren Spezies – nicht unterscheiden zwischen der Qualität eines Werks und der Qualität seiner Wiedergabe. Zudem wird hier und dort hämisch bis ehrverletzend über einen Künstler der Stab gebrochen, als sei er identisch mit der gemassregelten Komposition und habe mit ihr ein Verbrechen begangen.

Zwischenbemerkung: Denkbar, aber nicht dankbar wäre ja auch ein Weissbuch, eine Positiv-Sammlung mit Kritiken, die ausschliesslich auf Lobpreisung und Huldigen gestimmt sind. Der Genuss so gearteter Lektüre und die zu gewinnenden Einsichten hielten sich aus einleuchtenden Gründen in Grenzen.

Im Nachwort arbeitet Friedrich Geiger Strukturen der Verdikte heraus: die Vorliebe für die Metapher (darunter Geschmacksmetapher und juristische Metaphorik), die strukturelle und die inhaltliche Ebene mit sechs Abwertungsmustern bzw. vier Rubriken von Klischees. «Überblickt man die Verdikte – von den mit Abscheu herausgeschleuderten Vorwürfen bis zu den ungerührten Todesurteilen, von den ausgefeilten Malicen bis zu den groben Pöbeleien – dann stellt man nicht nur fest, mit wieviel Nachdruck künstlerische Positionen vertreten werden, sondern auch, daß sie sich in ihrer Gesamtheit gegenseitig aufheben. Sollte es eines Beweises für die grundsätzliche Polyvalenz des musikalischen Werturteils bedürfen, dann wäre er hier zu finden.»

Und am Schluss hält Geiger fest: «Ein rein ästhetisches, auf neutrale Wahrnehmung beschränktes Musik-Erleben, das sich von jeder Beimischung normativen Denkens frei machen könnte, erscheint utopisch. Wie die hier versammelten Verdikte illustrieren, ist Musik ein soziales Phänomen.»

Der drei Dutzend Seiten umfassende Index zu den Verrissen listet die Bezeichnungen und Anwürfe in alphabetischer Folge auf (von «Abfälle, musikalische» bis «Zwitter») und weist sie den entsprechenden Textstellen zu. Ein kombiniertes Personen- und Werkregister beschliesst den Band. (ws)

Friedrich Geiger: Verdikte über Musik 1950–2000. Eine Dokumentation.
Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2005. 323 Seiten. € 39,95. Fr. 64.- Bei Amazon kaufen

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