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08.12.2006 — Die freisinnige Nationalrätin Christine Egerszegi ist diese Woche zur Präsidentin des Schweizer Nationalrats gewählt worden. Damit bekleidet sie das ranghöchste Regierungsamt des Landes. Codex flores gratuliert der Aargauer Volksvertreterin herzlichst zu der ehrenvollen Ernennung. Mit einem Resultat von 159 von 171 Stimmen hat sie seit elf Jahren das beste Ergebnis dieser jährlich im Turnus durchgeführten Wahl erzielt. Das zeigt, wie viel Respekt die Vollblutpolitikerin unter der Bundeshauskuppel geniesst. Egerszegi ist Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Musik und dank einem konsequenten Einsatz für die soziale Besserstellung von Musiklehrerinnen und –lehrern überhaupt erst zur Politikerin geworden.
Dass ihr die klingende Kunst ein zentrales Anliegen ist, bewies sie auch bei ihrer Antrittsrede, in der sie gemeinsam mit einem Geangsquartett aus ihrem Heimatkanton im Parlamentssaal traditionelle Volkslieder vortrug. «C’est le ton qui fait la musique» soll denn auch das Motto ihrer ein Jahr dauernden Amtszeit bilden. Dass die sympathische und integre Abgeordnete zur Schweizer Musik- und Kulturpolitik einiges zu sagen weiss, hat sie auch in einem Interview bewiesen, das Codex flores vor einigen Monaten im Bundeshaus mit ihr geführt hat (es findet sich hier).
Christine Egerszegis Einsatz für die Musik wirkt speziell glaubwürdig, weil sie fern jeglicher Polemik keine Dimension des Musizierens ausblendet und sich für die Anliegen der Freiheit zeitgenössischer Kunstmusik genauso einzusetzen versteht, wie sie die Lebendigkeit und Verwurzelung volkstümlicher Traditionen des Chorwesens, der Harmoniemusik und der Folklore schätzt und respektiert.
Zu hoffen ist allerdings, dass ihr Einsatz für die Anliegen der Musik und der Musizierenden in ihrer Amtszeit nicht bloss symbolisch bleibt. Die neue Funktion dürfte viel Ressourcen binden – ausgerechnet in einer Zeit, in der eine der wenigen bürgerlichen Fürsprecherinnen gelebter Hoch- und Volkskultur gefragt wären, wird doch da und dort bereits befürchtet, dass das geplante Kulturförderungsgesetz nach abgeschlossener Vernehmlassung schon wieder auf die lange Bank geschoben wird. So hofft die Musikwelt, dass die neue Nationalratspräsidentin doch ab und zu einmal bei ihrem dafür zuständigen Parteikollegen Pascal Couchepin anklopfen und darauf drängen wird, die Behandlung des Gesetzes tatsächlich wie geplant in ihrem Amtsjahr auf die Agenda des Schweizerischen Parlamentes zu setzen.
Dabei dürfte sie den Bundesrat ruhig auch immer wieder daran erinnern, dass er versprochen hat, bis Dezember 2007 einen Bericht «zur sozialen Sicherheit von Arbeitnehmenden in Berufen mit häufig wechselnden oder befristeten Anstellungen» – unter anderem eben auch der Musikerinnen und Musiker – vorzulegen und dass damit das Problem der Sozialversicherungen zügig angegangen wird. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
