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Viktor Ullmann (ermordet 1944)

03.06.2009 — Die letzte Phase seines Lebens und Schaffens ist die bekannteste: Von September 1942 bis Oktober 1944 war Viktor Ullmann mit seiner Frau Elisabeth im Sammel- und Arbeitslager Theresienstadt bei Prag interniert. In jene grausame Zeit fällt die Komposition seines berühmtesten Werks, der Kammeroper «Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung». Ullmann und seine Frau wurden im Herbst 1944 in Auschwitz umgebracht.

Der Flensburger Musikwissenschafter Ingo Schultz, bereits mit mehreren Publikationen zu Ullmanns Leben und Schaffen hervorgetreten, schildert die letzte Phase im kurzen Leben des österreichischen Komponisten und Pianisten mit emotionaler Diskretion, die den Blick auf die Theresienstädter Werke (die Oper, das 3. Streichquartett, die Klaviersonaten 5 bis 7 und eine Vielzahl an Vokalmusik) und die von jüdischen Künstlern für die Insassen organisierte «Freizeitgestaltung» lenkt. Den über dieses «Vorzeige-Ghetto» nur oberflächlich informierten Lesenden allerdings bringt Schultz die schrecklichen Zustände und das unsägliche menschliche Leid in diesem Durchgangslager nicht in nötiger Intensität näher.

Den inneren Abstand, den der Autor zum Musiker einnimmt, indem er sich jeder persönlich gefärbten Interpretation und Ausschmückung enthält, kompensiert er in der chronologisch aufgebauten Biografie durch eine dichte Fülle an Sachinformationen. Sein Buch leistet denn auch Grundlegendes zum Thema Ullmann, indem es eine Vielzahl der bis heute bekannten fotografischen Dokumente, Quellen und Fakten beizieht (darunter Eintragungen aus dem «Tagebuch in Versen», Auszüge aus Briefen, Rezensionen, Würdigungen und Essays), manche Irrtümer von Zeitzeugen und Forschern berichtigt, zudem Schilderungen des jeweiligen künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Umfelds einarbeitet.

Acht Stationen in acht Kapiteln: Von der Kindheit in Teschen (1898–1909), der musikalischen Prägung in Wien (1909–1916) und dem Kriegsdienst als Kanonier an der Isonzo-Front (1916–1918) führt Ullmanns Weg über die Stationen als Kapellmeister und Komponist (Prag, Zürich, Stuttgart, 1919–1933) und der zweiten Prager Karriere (1933–1942) ins Konzentrationslager Theresienstadt, wo er angesichts des sicheren Todes musiziert und intensiv komponiert.

Bewegt und von Brüchen, Verletzungen und Erschütterungen durchsetzt war Ullmanns ganzes Leben. Die Ehe seiner jüdischen Eltern, von denen er sich distanzierte, scheiterte, er selbst, katholisch getauft, später aus der Kirche ausgetreten und zur evangelischen Konfession gewechselt, war dreimal verheiratet. Beeinflusst durch Mahler, Schönberg, Berg, Zemlinsky, Weill, Hába komponierte er, ohne sich einer Richtung anzuschliessen. Weniges publizierte er im Selbstverlag, viel ging verloren. Paradoxerweise haben sich fast alle seiner im KZ unter dem Terror der SS geschaffenen Werke erhalten.

Nach zwei Spielzeiten am Zürcher Schauspielhaus orientierte sich Ullmann geistig und beruflich neu (Anthroposophie, fernöstliche Philosophie, I Ging), scheiterte in Stuttgart als Inhaber der ehemaligen Goetheanum-Bücherstube, verlor dabei das gesamte Vermögen und wurde erschüttert von einer psychischen Krise. Erst in Prag, wo er sich mit frischen Impulsen der Musik zuwandte, fasste er wieder Fuss. Emigrationsversuche scheiterten.

Eine Stärke des Buchs sind nicht zuletzt die einlässlichen, von Notenbeispielen gestützten Werkbesprechungen, die zusammengenommen die Charakteristika und die Entwicklung von Ullmanns Stil bis in Einzelheiten widerspiegeln. Der Anhang enthält das chronologische, auf Ullmanns Zusammenstellung von 1942 basierende Werkverzeichnis, das systematische Werkverzeichnis und -register, die Bibliografie und das Personenregister.

Zitat aus dem Buch:
«Zwischen dem 28. September und dem 28. Oktober 1944 wurden in elf Transporten insgesamt 18’402 Häftlinge aus Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Nur 1’574 überlebten. […] Erst nach dem Krieg wurde das ganze Ausmaß der auch im ,Musterghetto’ Theresienstadt praktizierten ,Endlösung der Judenfrage’ erkennbar: Von den mehr als 141’000 nach Theresienstadt deportierten Menschen überlebten etwa 23’000, über 30’000 starben im ,Ghetto’, 88’000 fuhren mit den ,Osttransporten’ in den Tod. – Viktor Ullmann und seine Ehefrau Elisabeth wurden am 16. Oktober 1944 in den sogenannten Künstler-Transport ,eingereiht’. Mit ihnen fuhren zahlreiche Musiker, Schriftsteller, Maler und Intellektuelle nach Auschwitz, darunter Karel Ancerl, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und der Maler und Dichter Peter Kien. Die meisten von ihnen wurden nach der Ankunft am 18. Oktober 1944 von der Rampe in Birkenau sofort ins Gas geschickt. Von den Musikern überlebte als Einziger Karel Ancerl.» (Seiten 227/228)
(ws)

Ingo Schultz: Viktor Ullmann. Leben und Werk. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel / Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2008. 279 Seiten. € 29,95. Fr. 46.–.

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