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07.08.2007 — In den letzten Wochen haben sich kurzfristige Absagen von populären Opernstars gehäuft – Rückzieher machten die Publikumslieblinge Netrebko, Villazón und Garanca, aber auch Grössen wie Vesselina Kasarova und Endrik Wottrich. Und wieder einmal wird die Dekadenz des Geschäftes rund um die klassische Musik beschworen. Wer da ins Wolfsgeheul einstimmt, tappt aber natürlich in die gleiche Falle wie diejenigen, die ein Hüsteln Villazóns mit einem kulturellen Sandsturm verwechseln: Das Musikleben reduziert sich auf einige wenige, von den Massenmedien opulent orchestrierte Grossanlässe, an denen in der Regel viel Geld und Champagner sprudelt, viele Klunker und Fliegen an Hälsen hängen und viel Schwachsinn der Spassgesellschaft als Bildung verkauft wird.
Die Welt der europäischen Kunstmusik ist keineswegs in einer Krise, ganz im Gegenteil, sie ist so reichhaltig, vital und offen wie noch nie zuvor. Sie bietet einer Unmenge an Berufenen und weniger berufenen die Möglichkeit, sich kreativ zu betätigen und selbst fernab der grossen Metropolen eine Vielzahl an Gelegenheiten, künstlerisch originelle Veranstaltungen zu besuchen. Die überwältigende Mehrheit füllt sich damit allerdings kaum die Schatulle, aber das war schon immer so. Wer sich als authentischer Künstler heute mehr recht als schlecht durchschlägt, kann dies jedoch auf einem materiellen Niveau tun, das vor fünfzig Jahren noch als purer Luxus empfunden worden wäre.
Markige Worte zum Zustand der Opernwelt findet der Wagner-Sänger Endrik Wottrich in einem Interview mit der FAZ. Heute, so Wottrich, sei die Oper ein Stundenhotel, in dem in möglichst wenigen Jahren möglichst viel Kohle verdient werden müsse. Das sei nichts anderes als Prostitution. Man müsse sich heute zwischen Glamour oder Stadttheater entscheiden, so Wottrich weiter, und könne als Sänger nicht mehr aus der Provinz an die Weltspitze kommen. Damit werde der Basis des Gesangs der Boden genommen.
Da liegt der Hund tatsächlich begraben. Allerdings nicht, wie Wottrich nahelegt, in der Tatsache, dass in der Glamourwelt die Stars verheizt werden – das wurden sie nämlich auch schon immer, und auch schon immer spielten sie das Spiel aus Eitelkeit oder gar Geltungssucht mit. Problematisch ist vielmehr, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die grosse lokal ausstrahlende Breite der künstlerischen Arbeit nicht mehr wahrgenommen wird und in der Entscheidung zwischen Glamour oder Stadttheater letzteres vermeintlich immer weniger attraktiv scheint, auch wenn es künstlerisch und menschlich im Grunde genommen mehr zu bieten hat. Die Stadttheater und alle die andern lokalen Kulturorte sind nämlich keine Bruchbuden, und ihre Verantwortlichen in der Regel keine bornierten Provinzler. Provinz hat im Zeitalter der Globalisierung als Kategorie ohnehin ausgedient.
Stars wie Villazón und Netrebko hätten ohne weiteres die Möglichkeit, in einem regional verankerten Opernhaus über Jahre künstlerisch zu wachsen und zu reifen, sich auch mal Ruhe zu gönnen, und mit einem lokalen Publikum zusammen menschliche und allzumenschliche Entwicklungsprozesse durchzumachen – und damit als Interpreten höchstwahrscheinlich zu grösserer Tiefe zu finden als im Airbus zwischen Sydney, Stuttgart und São Paulo. Sie könnten dabei – nebenbei erwähnt – auch ganz anständig verdienen. Und die Luft wäre auch nicht so trocken wie in den klirrend-kalten Höhen von Jetset und Jetstream.
Nur auf die Dauerpräsenz in der Weltpresse und damit auf den «Weltruhm» müssten sie verzichten. Aber offenbar fällt dies in einer Welt, in der die Massenmedien zu gigantischen Schwatzbuden und Flattiermaschinen geworden sind, immer schwerer. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
