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09.04.2010 — Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Donald (!) Ritzer hat den Ausdruck der «McDonaldisierung» der Gesellschaft geprägt. Gemeint ist die Uniformierung und Normierung von Lebensbereichen durch immer gleiche Standards, die nicht zuletzt in den immer mehr überhandnehmenden Franchisekonzernen Ausdruck finden. Ein McDonald’s-Kunde weiss genau, was ihn im Fast-Food-Lokal erwartet, egal ob er sich in Bern, Moskau, Tokio oder Washington verpflegt, im Fressnapf finden Hundeliebhaber überall die vertrauten Produkte, im Novotel Gäste überall auf der Welt das gleiche Interieur vor.
Das Fatale an der McDonaldisierung ist, dass sie den Abbau von Sozial- und Wirtschaftskompetenzen in der Gesellschaft befördert. Wer sein Leben in der genormten Welt der Franchiseketten verbringt, kann Situationen meiden, welche die Fähigkeit schulen, mit Unvorhergesehenem, Neuem und Unbekanntem umzugehen.
Wirtschaftswissenschaftler sprechen mit Blick auf die McDonaldisierung der Gesellschaft neudeutsch auch vom «Deskilling» der Mitarbeitenden. Viele Franchiseketten funktionieren nämlich, ohne von den Angestellten spezielle Fähigkeiten zu verlangen. Der Ausdruck beschreibt im Grunde genommen aber auch den Abbau von kreativem Improvisationstalent, dem Willen zur Eigenverantwortlichkeit und der Frustrationstoleranz der Kunden.
McDonaldisierte wagen sich in keine Quartierbeiz mehr. Nicht wissen was auf den Teller kommt, sich den geschwätzigen Wirt vom Leib halten, dem Hund unter dem Tisch nicht auf den Schwanz treten, den angesäuselten Stammgast in ein Gespräch verwickeln oder abwimmeln, Platz machen oder nicht für die hereinstürmende Damenriege, Trinkgeld geben oder nicht – Normgewohnte würden sich lieber ins (normierte) RTL-Dschungelcamp stecken lassen, als sich solchen Horrorsituationen auszusetzen. Der Effekt der McDonaldisierung ist nämlich ein paradoxer: Je vorhersehbarer und abgesicherter das tägliche Leben ist, umso mehr plagen die Menschen Lebensängste und Neurosen.
Die eigentliche Aufgabe der Ideenlabors von Kunst und Kultur wäre es, gerade diese elementaren Fähigkeiten, mit Neuem, Unvertrautem und Unberechenbarem umzugehen, wach zu halten. Die McDonaldisierung hat aber auch die Kulturförderung ergriffen; sie macht sie zur immer besser geölten, routinierten und berechenbaren Maschine. Kulturkonsumenten halten sich an (normierte) Multiplexkinos und (normierte, familientaugliche) Erlebnisparks, Künstler an prozessoptimierte und kriteriennormierte Gesuchsformulare, Kulturkommissionen an den Weg des geringsten Widerstandes. Entsprechend ernüchternd ist der Umgang mit Kulturfunktionären. Die reden bloss noch in Leistungsvereinbarungen, Qualitätskontrollen, Best Practices und Umwegrentabilitäten. Und rechtfertigen das mit der (vermutlich zutreffenden) Bemerkung, dass Politiker, die letztlich die Gelder sprechen, nur so eine Sprache verstünden.
Kunst, die kein Wagnis eingeht, Kultur, die nicht mit dem Unvertrauten umgehen kann, Kulturförderung die keine gewichtigen Anteile an Anarchie und Irrationalität hat, sind Formen der Kapitulation vor der Lebensangst und im Endeffekt Hemmschuhe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Man wird den Eindruck nicht los, dass das Auseinanderbrechen der politischen Mitte damit etwas zu tun hat: Da ist ein ideelles Vakuum entstanden. Wagnisse werden keine mehr eingegangen, Risiken nicht mehr lustvoll gesucht, Konfrontationen nicht mehr intelligent provoziert und damit persönliche Glaubwürdigkeit verspielt.
Auch die bürgerliche Mittepolitik mcdonaldisiert mehr und mehr. Den ideellen Fast Food liefern Lobbyisten und PR-Berater der Grosskonzerne und Branchenverbände. Das Personal besteht zunehmend aus franchisesozialisierten Erfüllungsgehilfen.
PS: Im Entwurf zu einem neuen Parteiprogramm der Sozialdemokraten fehlen Ideen zu einer vitalen Kulturpolitik ebenfalls völlig. Die Sozis machen auf Genossenschaftsromantik und «Überwindung des Kapitalismus» (Oh Gott). Ihre Jungpartei möchte die Bewegung sogar ins frühkommunistische 19. Jahrhundert zurückprügeln. Da gehen auch nur noch Gespenster um. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
