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Vor siebzig Jahren ermordet: Moritz Schlick

Von Wolfgang Böhler

 

23.06.2006 — Die Geschichte der Philosophie ist nicht gerade reich an gesellschaftlichen Skandalen und findet auch nur selten den Weg in die Rubrik der «Unglücksfälle und Verbrechen». Die ungewöhnlichsten Gewaltakte von und an Philosophen des 20. Jahrhunderts müssen als direkte und indirekte Folgen faschistischer Gewaltherrschaft betrachtet werden. So ist etwa die spektakuläre Tat des französischen Philosophen Louis Althusser, des Lehrers Foucaults, Derridas und Lévys, der seine eigene Frau erdrosselte, als Spätfolge traumatischer Erlebnisse in nationalsozialistischer Kriegsgefangenschaft zu sehen.

Opfer nationalsozialistischer Brunnenvergiftung ist vor genau siebzig Jahren, am 22. Juni 1936, mit Moritz Schlick einer der wichtigsten Vertreter des Wiener Kreises geworden. Spektakulärer hätte der Mord an dem originellen Denker nicht ausfallen können, und aufgeklärt wurde er nie richtig. Schlick erlag Schüssen, die sein ehemaliger Student Hans Nelböck auf ihn abfeuerte – auf der sogenannten «Philosophenstiege» der Wiener Universität und in aller Öffentlichkeit.

Möglicherweise war simple Eifersucht – Nelböcks Angebetete schwärmte für den Philsosophen – ein Grund für die Tat. Sicher aber wurde der Meuchelmord später von den Nazis zu einem Akt des Heldentums gegen die «jüdische Philosophie» umgedeutet. Nelböck sah sich 1937 zwar zu zehn Jahren Kerker verurteilt; bereits ein Jahr später konnte er seinen Fuss allerdings wieder auf freien Boden setzen. Selbst nach 1945 führte er ein unbehelligtes Privatleben.

Schlick war einer der Väter der wissenschaftlichen Philosophie, die sich durch eine radikale Metaphysikkritik auszeichnete, und durch die Überzeugung, dass das Fach im Rahmen des gesamtwissenschaftlichen Gebäudes vor allem die Funktion der «Revisorin» der sprachlichen und methodischen Grundlagen habe. Das hat ihm – vor allem unter den kontinentaleuropäischen Denkern mit einem gesellschaftskritischen Selbstverständnis – wenig Freunde eingebracht: Die Vertreter der Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer beschimpften die Schule der analytischen Philosophen in der Nachfolge von Schlicks Wiener Kreis als Zudiener kapitalistischer Ideologien.

Die Kalamitäten fanden im «Positivismusstreit» zu einem Höhepunkt, den Theodor W. Adorno und Karl Popper in den Sechzigerjahren zu einem philosophischen Medienereignis machten. Vor allem Adornos wortreiche, aber auch tendenziöse Polemik gegen die «Neopositivisten» hat über die folgenden Jahrzehnte dafür gesorgt, dass sich die eher nüchterne, aber dafür grundsolide und ideell unbestechliche analytische Schule in Deutschland nur wenig zu entfalten vermochte.

Dabei stammen von Schlick nicht nur originelle Ansätze zur Erkenntnistheorie und namentlich zur Relativitätstheorie. Der Freund Albert Einsteins hat sich auch zu ethischen Fragen und zur Ästhetik geäussert. In seinem Frühwerk, unter anderem in einem Aufsatz aus dem Jahr 1908, hat er eine modern anmutende Ästhetik entworfen, die sich von der Metaphysik verabschiedet, sich an der Biologie als Leitwissenschaft orientiert und die Frage nach der Schönheit – wenn auch noch auf naiv anmutende Art – zu einer Frage der Wissenschaft machen soll. Nützliche Objekte verwandeln sich in seiner Konzeption in schöne, wenn sich die Nützlichkeit als Lust äussert, aber immer mehr in den Hintergrund tritt und einer interessenlosen Betrachtung Platz macht. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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