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Wahlen in den Bundesrat – ein Schmierentheater

Von Wolfgang Böhler

 

16.12.2011 — Es gab eine Zeit, da waren alle Dinge an ihrem Ort: In Wirtschaft und Politik wurden Machtfragen geklärt, mit harten Argumenten, Realitätssinn und Pragmatismus, ohne Betroffenheits- und Erlebnis-Firlefanz. Kunst und Kultur entwarfen dazu die Gegenwelt aus Emotionen, Widerspruch, Phantastik und Gefühlen, dank der die Quellen gesellschaftlicher Kreativität und Erneuerungskraft nicht austrockneten.

Die Phantastik der bürgerlichen Guckkastenbühne, der literarischen Poesie, der Macht der Ausdruckshaftigkeit in Musik und bildender Kunst stand gegen die Zahlenkolonnen von Börse, Budgets und Bodenständigkeit der Politik. Berührend, packend gar, aber wirklichkeitsfremd, traumhaft, manchmal auch verrückt.

Tempi passati. Mittlerweile nehmen Politik und die Berichterstattung darüber für sich in Anspruch, emotionale Erlebniswelten zu sein. Das politische Leben kopiert die Kunst, getreu der Maxime modernen Marketings, dass Menschen nicht mit Argumenten überzeugt, sondern vor allem über den Bauch angesprochen werden müssen. Das Dumme daran ist nur, dass dies auf lausigem Niveau geschieht. Statt inspirierter Dramaturgie, kunstvoller Sprache und packender Perspektivenwechsel gibt’s im Politiktheater bloss Schmierenkomödien, Worthülsen und billige Gags.

Selbst Bundesratswahlen sind zu Seifenopern verkommen, in denen der Eindruck entsteht, statt politischer Beobachter hätten Unterhaltungs- und Society-Journalisten das Sagen. Da werden dann selbst in unserem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Parlamentariern so intelligente Fragen gestellt wie: Haben sie in der Nacht der langen Messer gut geschlafen? Halten sie die Spannung im Saal noch aus? Oder (unser Liebling): Hat ihre Hand beim Ausfüllen des Wahlzettel gezittert? (Das hat ein SRF-Moderator einen Neuling im Parlament tatsächlich gefragt, wir schwören’s)

Da geht’s dann zu wie in einer billigen Castingshow: In Schaltungen zu den Fangruppen wird mit der Verkündigung eines Wahlresultates Saaljubel zelebriert, und die Annahme der Wahl wird zum «emotionalsten Moment des Morgens». Alle haben Tränen in den Augen, sogar wir, allerdings aus etwas anderem Grund.

Die «Verluderung des Politdiskurses» (so hätte das Max Frisch wohl genannt, von dem nicht so ganz klar ist, ob er nicht auch dazu beigetragen hat), verdanken wir Phänomenen wie Spin-Doctors, Wahlkampfstrategen, Infotainment-Propheten und der mittlerweile ad absurdum geführten intellektuellen Doktrin der Post-68er, dass Machtstrukturen im öffentlichen Diskurs nur mit Hilfe von Simulationen, respektive der Verweigerung eines angeblich pseudorationalen Dialoges dekonstruiert werden können (haben wir den Ton getroffen?)

Kunst und Kultur müssen Gegenwelten zur Realitätsbewältigung im politischen Leben bleiben. Wenn sich unsere Staatslenker und -denker mehr und mehr in ihren selbstgeschaffenen Kulissen der Empörungsbewirtschaftung, des Newspeak und der Indoktrination verirren, dann muss sie heute in der Verteidigung von Anstand in der Debatte, Nüchternheit im Argumentieren und dem unbedingten Willen zur Wahrhaftigkeit bestehen.

Wenn alle den Clown machen, sollte dieser sich schnellstens abschminken und damit zeigen, dass das wahre Gesicht zur Lachnummer zu verkommen droht. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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