04.09.2003 — Johann Sebastian Bachs legendär gewordene Lübeck-Reise 1705/06 und ihre Auswirkungen auf sein Schaffen standen im Mittelpunkt eines Symposiums in Lübeck. Die wichtigsten Ergebnisse dokumentiert der Band «Bach, Lübeck und die norddeutsche Musiktradition».
Das Arnstädter Konsistorium nahm den jungen Johann Sebastian Bach ins Gebet: Im Herbst 1705 hatte der 20-jährige, seit gut zwei Jahren in Arnstadt wirkende Organist einen Monat Urlaub erhalten, um in Lübeck «den berühmten Organisten an der Marienkirche Diedrich Buxtehude zu behorchen», wie der zweite Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel im Nekrolog seines Vaters schrieb. Der Tadel der Vorgesetzten war nicht aus der Luft gegriffen, hatte doch Bach den Bildungsaufenthalt eigenmächtig auf ein Vierteljahr ausgedehnt, bis Ende Januar 1706. Auf die Frage, «wo er unlängst so lange geweßen», rechtfertigte er sich selbstbewusst: «Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen».
Was wollte Bach in Lübeck, der Freien Reichs- und Hansestadt, «begreiffen»? Diese Frage stand im Zentrum des Internationalen Lübecker Symposions «Bach, Lübeck und die norddeutsche Musiktradition», das im Bachjahr 2000 von der Musikhochschule Lübeck und den musikwissenschaftlichen Instituten der Universitäten Kiel und Hamburg durchgeführt wurde. Wissenschaftliche Leiter waren Friedhelm Krummacher (Kiel), Hans Joachim Marx (Hamburg) und Wolfgang Sandberger (Lübeck).
Symposion in drei Teilen
Wissenschaftler und renommierte Bach-Forscher aus Deutschland, der Schweiz und den USA widmeten sich in Teil I der Veranstaltung dem musikalischen Horizont um 1700 mit Beiträgen zur Musikkultur der städtischen Gesellschaft, zur Institutions- und Frömmigkeitsgeschichte, zur Frühgeschichte des Oratoriums und zu Themen wie Orgelbau, Orgel- und Klaviermusik.
Teil II widmete sich den aufführungspraktischen Besonderheiten der norddeutschen Musizierpraxis. Erläutert wurden etwa Untersuchungen zum «stylus phantasticus», zur freien Spielweise, zum Tempo in der norddeutschen Musik sowie Aspekte der Aufführung von vokal-instrumentaler Ensemblemusik.
Teil III des Symposions ging der Frage nach, ob Lübeck für Bach lediglich eine flüchtige Durchgangsstation war, deren Auswirkungen durch die späteren Einflüsse in Weimar (Stichworte: neue Kantate, italienische Konzertform) verdrängt worden sind. Gewicht gelegt wurde auf die Suche nach musikalischen Konstanten, die über Bachs Frühwerk hinaus die Auseinandersetzung mit der norddeutschen Tradition spiegeln.
Wissenschaft und Praxis
Eingeleitet wird der von Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck, herausgegebene, gediegen illustrierte und durch viele Notenbeispiele bereicherte Band mit dem Abdruck der öffentlichen Vorträge von Gisela Jaacks (Lübecks Kultur um 1700), Werner Breig (Bachs kompositorische Erfahrungen mit der norddeutschen Musikkultur) und Wolfgang Sandberger (Bachs Reise nach Lübeck – zwischen Mythos und Wirklichkeit).
Die folgenden 17 Beiträge – je sechs zum Thema norddeutsche Musikkultur um 1700 und zu Bachs kompositorischer Erfahrung mit ihr, fünf über die Aufführungspraxis zur Zeit des jungen Bach – setzen sich in höchst anregender, nicht zuletzt auch den interessierten Laien ansprechender Art mit diversen Aspekten des Komplexes auseinander, die grossen Zusammenhänge darlegend oder Einzelaspekte unter die Lupe nehmend. Die Referierenden und die thematische Breite der Abhandlungen garantieren, dass Brücken geschlagen werden zwischen Wissenschaft und Praxis. Aus der Fülle gegriffen sei Christoph Wolffs Beitrag zur Echtheits-Diskussion der altberühmten d-Moll-Toccata BWV 565; er führt diverse Gründe an, die ihm für die Autorschaft des jungen Bach sprechen.
Aus Platzgründen musste auf eine Dokumentation der Diskussionen verzichtet werden. Mit Namen- und Werkregister ist das Buch gut erschlossen. Sinnvoll gewesen wären Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. (ws)
Wolfgang Sandberger (Hrsg.): Lübeck und die norddeutsche Musiktradition. Bericht über das Internationale Symposion der Musikhochschule Lübeck, April 2000. Verlag Bärenreiter, Kassel 2002. 288 Seiten. € 39,90. CHF 67.–