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23.05.2008 — Für Wirbel hat in verschiedenen Kantonen der Schweiz in den letzten Tagen ein Sänger mit Namen Marko Perkovic gesorgt, von dem wir − wir geben’s unumwunden zu − zuvor noch nie ein Wort gehört haben. Der Kroate, sagt man uns, soll kriegsverherrlichende und antisemitische Lieder singen, und an seinen Konzerten sollen seine Fans einen Gruss nutzen, der dem Hitlergruss ähnlich ist, und Insignien einer ehemaligen radikalen Organisation kroatischer Nationalisten mit Namen «Ustascha» tragen. Da wir kein Wort Kroatisch verstehen, nehmen wir’s mal zu Kenntnis. Im Web verfügbare Bilder von Perkovic-Konzerten scheinen die Vorwürfe zu belegen.
In Dietikon, Wallisellen und Lengnau ist dafür gesorgt worden, dass Perkovic keine Bühne zur Verfügung steht. In der deutschen Stadt Stuttgart durfte er − unter Auflagen − allerdings auftreten. Laut «Stuttgarter Zeitung» versteht Peter Hinic, der Vorsitzende der lokalen kroatischen Kulturgemeinschaft, die ganze Aufregung nicht. Man habe für das Ordnungsamt alle Lieder übersetzt, und deren Texte würden sich in der Hauptsache um die Liebe drehen.
Wie gesagt, wir haben Perkovic bis anhin nicht gekannt. Wir sind aber auch nicht in der Lage, selbst harmlos scheinende Texte richtig zu deuten. Vielleicht haben die Liebeslieder ja einen Subtext, den alle Kroaten verstehen und der uns entgeht? Vielleicht ist das Spiel mit nationalistischen Uniform-Bestandteilen umgekehrt ja bloss spielerische Selbstironie und Provokation. Wir lochen ja schliesslich auch keine halbwüchsigen Schweizer ein, die Che oder Mao oder Symbole totalitärer Befreiungsbewegungen auf ihren T-Shirts wohlfeil halten − und nicht einmal wissen, dass Marx einen Bart hatte.
Dabei sind wir in der Sache mit Anhaltspunkten noch relativ gut versorgt. Der Sänger ist für uns scheinbar einfach als staatsgefährdendes Subjekt erkennbar. Er singt nämlich, und zwar Texte, und die Oberflächenbedeutung von Texten kann man mehr oder weniger verstehen, wenn sie übersetzt werden. Sofern sie denn korrekt übersetzt werden, wovon wir ja auch nicht a priori ausgehen können.
Woher wissen wir aber, dass der stumm bleibende Instrumentalvirtuose eines exotischen Staates, dessen Entourage für ein Konzert den lokalen Gemeindesaal mietet, nicht ein Vertreter einer radikalen Stammes-Gruppierung ist, die sich die Auslöschung eines andern Stammes auf die Fahnen geschrieben hat und die Eintritte zur Bezahlung für Waffen verwendet wird? Wir bewundern ahnungslos die vertrackten Rhythmen des Musikers, während der heftige Applaus seiner exilierten Anhänger der für sie eindeutigen Botschaft zum «Hass gegen die da vom andern Stamm» gilt.
Das mag ein bisschen paranoid klingen. In Tat und Wahrheit haben die kulturellen Aktivitäten von Migranten und Flüchtlingen ihre Unschuld aber schon lange verloren − nicht erst, seit dem einen oder andern dämmert, dass in hiesigen Moscheen auch Hassprediger Station machen und scheinbar harmlose Kulturvereine jeglicher Religion bei ihren Landsleuten Geld erpressen, um zu Hause einen bewaffneten Krieg zu führen.
Weshalb können wir selbst als Journalisten, die Recherche und kritischen Blick internalisiert haben sollten, so offenherzig zugeben, dass uns die angebliche Gefahr, die von Perkovic ausgeht, völlig entgangen ist? Weil es schlicht unmöglich ist, alle Sprachen aller Migranten fliessend zu sprechen und über alle Subtilitäten in den Verhältnissen aller ethnischer Minderheiten in den rund 200 Staaten der Welt informiert zu sein.
Wir geben’s zu: Es wäre uns lieber gewesen, das Konzert Perkovics hätte wie in Stuttgart auch in der Schweiz stattfinden können, weil die sichtbare Vielfalt der Ausdruckformen und das Recht auf Selbstdarstellung allen Gruppierungen jeglicher Couleur sehr, sehr hoch zu bewerten ist und es gegebenenfalls immer noch besser ist, rassistische und totalitäre Tendenzen zeigten sich, als dass sie im Verborgenen von uns unentdeckt ihr Unwesen treiben.
Der Fall Perkovic zeigt uns, dass selbst scheinbar harmlose nostalgische Musikdarbietungen politischen Sprengstoff beinhalten können und umgekehrt scheinbare politische Skandale bloss ein Sturm im Wasserglas sein können. Es gibt keine feste Grenze zwischen Ästhetik und Politik. Politische Naivität im kulturellen Austausch kann sich rächen. Von ihr, so das Fazit der Geschichte, sollten wir uns endgültig verabschieden. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
