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08.04.2011 — Wissenschaft und Kunst teilen eine Eigenschaft: Sie beschäftigen sich mit den Grundlagen unseres Weltwissens und helfen uns, unsere Umwelt besser zu verstehen. Wissenschaft scheint dabei die härtere Währung zu sein – nicht nur weil sich aus ihr einfacher Technologien ableiten lassen, die sich wiederum in wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand ummünzen lassen.
Wissenschaft hat einen Marketingvorteil, um das mal so krud zu sagen: Sie hat Fragen, und deren Beantwortung interessiert uns. Wie war das mit dem Urknall? Werden wir Menschen klonen können? Können wir alternative Energien so weit vorantreiben, dass sie unsere Energieprobleme umweltfreundlich lösen? Werden wir den Krebs besiegen? Fortschritte auf diesen Gebieten wecken Aufmerksamkeit und legitimieren damit den Wissenschaftsbetrieb.
Auf der andern Seite: Wollen wir wirklich wissen, was die Kunst beschäftigt? Rufen wir «Heureka!», und fühlen wir uns erleichtert, wenn Cervelats auf Bettdecken drapiert, pickelige Hautausschnitte auf Kirchenschiffe projiziert werden oder ein Künstler einen Hai in Formaldehyd einlegt (natürlich! in Formaldehyd! Das Problem hat uns ja jahrelang beschäftigt, wie man tote Haie am Stück zu Kunstobjekten umdefinieren könnte!)
Der sportliche Aspekt, der Wissenschaft durchaus auch eigen ist (wer wird gewinnen?) geht der Kunst ab. Keiner würde sagen, dass Picasso ein Problem gelöst hat, das die Weltöffentlichkeit beschäftigte, oder dass Stockhausen endlich die knifflige Frage beantwortete, die uns schon lange umtrieb, wie elektronische Klänge in Neue Musik umgeschmiedet werden können (indem man sie in einen Feuerofen schiebt..) Die Physiker, Genetiker oder Biologen wie Einstein, Watson und Crick oder Tinbergen hingegen schon.
Künstlerische Neugier munitioniert aber genauso ein Erkenntnisprojekt wie die wissenschaftliche Forschung. Ihre Resultate sind allerdings nicht primär Dinge – Produkte oder Technologien –, sondern Prozesse und Erkenntnisstrategien. Nutzniesser wissenschaftlicher Forschung profitieren von den Produkten, die daraus resultieren – Medikamenten, Apparaten, Infrastrukturen etc. Nutzniesser der Kunst profitieren von den Strategien, die Welt wahrzunehmen, mit denen sie Kunstwerke ausstatten.
Die Kunstwerke selber können wir, haben sie ihre Botschaft einmal überbracht, wie die buddhistischen Wanderer das Boot zurücklassen, mit dem sie über den Fluss gelangt sind. Deshalb haben wir auch das intuitive Gefühl, dass Kunstwerke irgendwie allen gehören, weil alle am Wesentlichen daran partizipieren können – und können sollten.
Heute werden Kunstwerke (vor allem der bildenden Kunst) allerdings für einen Kunstmarkt geschaffen, und ihr Wert wird in Geldsummen gemessen, die für sie auf Auktionen oder Messen bezahlt werden. Zeitgeistige Deutungen dienen häufig bloss noch als schöngeistiges Rechtfertigungs-Mäntelchen.
Die Idee, dass Kunstwerke der Allgemeinheit gehören, keinen materiellen Wert haben und in staatlich finanzierten Museen allgemein zugänglich gemacht werden müssen, geht mehr und mehr verloren. Sie wird als sozialistisches Gedankengut denunziert, dabei entspringt sie urliberalem Gedankengut.
Und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, die Frage, wie wir mit Kunstwerken umgehen und welchen Stellenwert wir ihnen zuweisen, sei ein Gradmesser dafür, welchen Wert wir dem Staat als ordnender Kraft zumessen. Wer den Staat unablässig schlechtmacht, sieht auch primär oder gar ausschliesslich den materiellen Wert der Kunst, der vor allem darin besteht, etwas ausschliesslich zu besitzen, was eigentlich der Allgemeinheit gehört. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
