24.12.2009 — Erste Spuren der h-Moll-Messe finden sich bereits 1714, doch die Entstehungsgeschichte dieses weltweit am häufigsten aufgeführten Grosswerks Bachs erstreckt sich über drei Jahrzehnte und kam in zwei Phasen in autographen Niederschriften zum Abschluss: 1733 und 1748/49.
Licht und Ordnung in die komplexe Werkgeschichte bringt der renommierte Bach-Spezialist Christoph Wolff im ersten Teil seiner den aktuellen Stand der Forschung widerspiegelnden Einführung. Er geht den historischen Perspektiven nach, den Stufen der eigentlichen Werkentstehung, dem Schriftbild, den Ursachen des heterogenen Befunds der Originalpartitur, den Parodievorlagen, die Bach einbezog, um sie vor dem Vergessen zu bewahren – eine spannende Spurensuche mit Einsichten, offenen Fragen und manchen Vermutungen.
In den Blick nimmt der Autor auch Bachs frühere lateinische Kirchenmusik und ihre Tradition im protestantischen Deutschland. Neue Erkenntnisse betreffen den Wandel der Aufführungsmöglichkeiten liturgischer und geistlicher Musik in den Leipziger Hauptkirchen St. Nicolai und St. Thomae.
Im zweiten Teil seiner Werkeinführung setzt sich Wolff mit den musikalischen Aspekten der h-Moll-Messe auseinander, erläutert die Vielfalt an Stilen und Ausdrucksformen, das Wort-Ton-Verhältnis, den theologischen Bedeutungsgehalt. Jeweils am Anfang der beiden Teile (Teil I: Missa mit Kyrie und Gloria; Teil II: Symbolum Nicenum mit Credo, Sanctus, Osanna, Benedictus, Agnus Dei und Dona nobis pacem) findet sich ein Gesamtüberblick mit Angabe der Besetzung, Taktbezeichnung und Tonart. Es folgt die einlässliche Besprechung der einzelnen Sätze (12 in Teil I; 15 in Teil II). An der Spitze steht der vertonte Text (lateinisch und deutsch), und die Analyse wird durch viele Notenbeispiele unterstützt.
Eingebettet sind zwei Exkurse: die lateinische Weihnachtsmusik BWV 191 und Hinweise zur Continuogruppe in der h-Moll-Messe. Abgerundet werden die Überlegungen zu den Teilen und zum Ganzen mit einer Bilanz von Bachs «großer catholischer Messe».
Der Anhang bringt den Text des Ordinarium Missae mit historischen Erläuterungen und Text- und Melodievarianten. Übersichten listen Frühfassungen, nachweisliche Übernahmen und vermutete Parodien sowie bibliografische Materialien auf.
Christoph Wolff ist eine konzentrierte und auch musikwissenschaftlich Ungeschulten verständliche Einführung zu verdanken, in der erhellt, wie sich die Charakteristika der h-Moll-Messe integrieren in den Kosmos des Bachschen Denkens und Komponierens.
Zitat aus dem Buch:
«Das Phänomen h-Moll-Messe lässt sich kaum erklären ohne Blick auf den reflektierenden Musiker Bach, der seinen Stoff intellektuell durchdringt und ihn musikalisch zum Klingen und Sprechen bringt. Dass er sich der geschichtsträchtigen Gattung der Messe zuwendet, kommt nicht von ungefähr. Es ist das Bewusstsein eigener Geschichtlichkeit, ein für Bach bezeichnendes Charakteristikum. […] So präsentiert sich Bachs h-Moll-Messe, auch ohne dass es ihre primäre Zweckbestimmung gewesen wäre, als ein musikalisches Vermächtnis und trifft darin zusammen mit der 1748/49 in Druck gegebenen Kunst der Fuge. Die große Messe führt freilich mit ihrer Durchdringung von theologischer Gedankenwelt und musikalischer Materie eine zusätzliche, der Instrumentalmusik fehlende Dimension ein.» (Seite 127)
(ws)
Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach – Messe in h-Moll. Bärenreiter Werkeinführungen. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009. 148 Seiten. € 14,95. Fr. 26.90.