09.08.2004 — War Brahms ein tief gläubiger Mann oder ein sarkastischer Freigeist? In seiner detailreichen Untersuchung, einer überarbeiteten Fassung seiner Berliner Dissertation von 2002, deckt der deutsche Musik- und Kulturwissenschafter Jan Brachmann politische und religionsgeschichtliche Bezüge des 19. Jahrhunderts auf und im Schaffen Brahms’ biografische und musikalische Zusammenhänge. In vielfältiger Brechung spiegelt sich im «Fall Brahms» eine ganze Epoche.
Brachmann dokumentierte seine profunden Kenntnisse der Religionsgeschichte, der Musik und der Kunst im 19. Jahrhundert bereits im Buch «Ins Ungewisse hinauf … – Johannes Brahms und Max Klinger im Zwiespalt von Kunst und Kommunikation» (Bärenreiter Musiksoziologie, Bd. 6, 1999). Mit dem neuen Band legt der Autor die bisher einlässlichste und aufschlussreichste Erforschung der religionsgeschichtlichen Bedingungen absoluter Musik am Beispiel von Johannes Brahms’ biografischer und künstlerischer Situation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor.
Religionskrise und Kunstreligion idealistischer oder romantischer Provenienz sind, so der Autor, nicht nur historische, sondern auch gesellschaftliche Tatbestände, die sozialen Druck ausüben, etwa als Rollenerwartung an den Künstler in der bürgerlichen Kultur. Ausgehend von einlässlichem Quellenstudium, zeigt Brachmann auf, wie Brahms in seiner Musik – nicht nur der vordergründig religiösen oder geistlichen – die Probleme der Kunst als säkularer Religion und die Probleme einer religiös bestimmten Lebensführung in der Moderne reflektiert hat.
Der «bibelfeste Ketzer» Brahms, sein Denken und sein Schaffen (darunter die Lektürespuren in Brahms’ Handbibliothek und seine Kompositionen) bilden das Zentrum, doch der Autor bezieht ausführlich theologische, philosophische, politische, soziologische und künstlerische Fragen mit weitem Umblick und wachem Sinn für deren Bedingtheiten und Zusammenwirken mit ein in einer formal, gedanklich und stilistisch klaren Analyse, akkuraten Darlegung und weitsichtigen Interpretation. (ws)
Jan Brachmann: Kunst – Religion – Krise. Der Fall Brahms. Reihe Musiksoziologie, Bd. 12. Bärenreiter Verlag, Kassel 2003. Mit Notenbeispielen und Literaturverzeichnis, aber ohne Register. 496 Seiten. € 34,95. Fr. 63.-.