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20.11.2009 — Suisseculture lanciert die Debatte um die künftige Finanzierbarkeit digital distribuierbarer Kulturerzeugnisse. Das ist gut. Der Dachverband der Kulturschaffenden hat dazu keine vorgefasste Meinung und will das Thema «Kulturflatrate» im kommenden Jahr an mehreren Veranstaltungen thematisieren, sprich: die Diskussion darüber anregen. Das ist noch viel besser. Hoffentlich wird dann langsam das Bewusstsein steigen, dass wir Zeugen und Akteure einer epochalen Umwälzung des Kulturlebens sind, die viel weiter geht, als den meisten heute bewusst ist. Sie betrifft nicht nur das Kulturschaffen im engeren Sinne, sondern ebenso Medien, Bildung und Kommunikation. Man kann sie auf einen Punkt bringen: Künftig wird alles, was sich digital abspeichern und distribuieren lässt, nicht mehr durch «Stückverkauf» finanzierbar sein. Den Schritt in die neue Epoche nicht machen werden also bildende Künstler, Theaterschaffende und Vertreter anderer Kunstformen, die an eine lokal festmachbare Veranstaltung gebunden sind.
Zur Zeit werden vor allem die Verluste betont, die dadurch entstehen. Dabei scheint vor allem eine Befürchtung im Vordergrund: Einige, wenn nicht viele Kunst- und Medienschaffende werden nicht mehr in der Lage sein, ihre Tätigkeit zu finanzieren, weil niemand mehr bereit ist, ihnen für ihre Erzeugnisse in der guten alten Art des Tauschhandels bare Münze in die Hand zu drücken. Das scheint im ersten Moment ungerecht.
Allerdings ist die Sache auf den zweiten Blick weit komplexer. Im «alten» System konnten sich etwa Erzeuger von Schundliteratur eine goldene Nase verdienen, während Weltklasselyriker für ihre Werke zu Lebzeiten unter Umständen nie auch nur einen müden Franken sahen. Oder Maler. Van Gogh zum Beispiel war ja bekannterweise auch nicht gerade in der Lage, seinen Lebensunterhalt mit seiner Kunst zu bestreiten, respektive einen Lebensstandard zu pflegen, der ihm angesichts seiner Bedeutung für die europäische Kunst zweifelsohne zugestanden wäre. Dafür wurden höchst Mediokre stinkereich. Im Grunde genommen ist abzusehen, dass durch die digitale Revolution bloss ein ungerechtes System durch ein anderes ungerechtes System ersetzt wird. C’est la vie. Das ist der Lauf der Welt. Leider.
Die Diskussion um die Abgeltung für digitale Inhalte wird allerdings noch nicht breit genug angesetzt. Sie riecht noch allzusehr danach, dass Geschäftsmodelle des alten Systems mit den Mitteln des neuen finanziert werden sollen. Man möchte den neuen Wein in alte Schläuche abfüllen, sozusagen. Die digitale Revolution ändert aber ebenso die Rahmenbedingungen fürs Kunstschaffen, und damit wird sich auch das Kunstschaffen selber ändern.
Die digitale Revolution hat viele Gesichter. Neben der systemischen Schwierigkeit, Musik gegen klingende Münze und Literatur gegen Banknoten umzutauschen, hat sie eine Demokratisierung der Produktionsmittel ermöglicht: Heute kann praktisch jeder Hobbymusiker im Garagenstudio professionelle Produktionen realisieren und jeder Küchentischphilosoph oder –poet sich direkt an sein Publikum richten. Und Information ist weltweit schnell und einfach verfügbar. Das sind beides unglaubliche Fortschritte der demokratischen Gesellschaft, die niemand wirklich hinterfragt, weil niemand sie bezahlen muss: Kulturelle Gewinne werden gerne einfach so hingenommen, kulturelle Verluste wort- und aktionsreich beklagt.
Eine Lösung für das Problem der Finanzierung digital distribuierbarer Güter wird also nicht gefunden werden, wenn es – wie zu befürchten steht – darum geht, ein altes System der Kulturerzeugnisse und seiner Finanzierungsmodelle unter geänderten Ramenbedingungen aufrecht zu erhalten, sondern wenn das Gesamtsystem betrachtet wird. Nicht nur die Finanzierungsmodelle, auch das zu Finanzierende muss neu gedacht werden.
Mehr zur Initiative von Suisseculture finde sich in einem Dossier, das unter folgendem URL im Web zu finden ist: www.suisseculture.ch (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
