Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Wieviel Text braucht der Mensch?

Von Wolfgang Böhler

 

28.02.2005 — Viele «Contentprovider» des Internet gehen davon aus, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen bloss mit einem Mass ermittelt werden kann: mit der Zeit, die es braucht, um ein SMS zu verfertigen. Der Durchschnittsschüler, die Durchschnittsschülerin haben in ihren Augen eine Aufmerksamkeitsspanne von x SMS, wobei x als die Anzahl Handymeldungen bezeichnet werden kann, die sich während einer langweiligen Mathematikstunde unter dem Pult tippen lassen. Dabei seien – wird ergänzt – allerdings die Rahmenbedingungen zu beachten, denn diese Aufmerksamkeitsspanne ist bloss gültig, wenn die aktive Tätigkeit des SMS-Schreibens selber zur Diskussion steht. Für alle anderen Tätigkeiten des Durchschnittsschülers und der Durchschnittsschülerin gilt eine Spanne von etwa 0,01 SMS, was der Dauer entspricht, die benötigt wird, um einem Kollegen die Webadresse zur aktuell angesagten Peer-to-Peer-Software für illegale Downloads aus dem Internet (woher denn sonst?) mitzuteilen.

Konzepte für Webseiten, die dieser 0,01-SMS-Doktrin folgen, verstehen die Wahrung der Aufmerksamkeit der Leser als eine Art Guerillakrieg, zu dessen Waffenarsenal Polls, Pop-ups, pubertäre Cartoons im Flash-Format und ein Verhältnis zwischen den für echte Inhalte und marktschreierische Links aufgewendeten Zeichen von etwa 1:1 gehören.

Selbstverständlich ist die 0,01-SMS-Doktrin Unsinn. Und dies in zweifacher Hinsicht. Zum Einen ist das Internet trotz anderslautender Meldungen nicht bloss das In-Medium der Halbwüchsigen, zum Andern schreiben auch sie nicht nur SMS. Einige von ihnen lesen auch «Sein und Zeit» oder «Die Leiden des jungen Werther» oder meinetwegen «Harry Potter».

Der Standard-Computerbildschirm hat zwar nicht mehr wie im Präkambrium des Computerzeitalters eine 14-Zoll-Diagonale, dennoch können, verglichen mit einer Zeitung im Berliner Format* (oder noch grösser), Inhalte bloss in einem höchst bescheidenen Umfang in den sichtbaren Bereich einer Webseite gestellt werden. Daraus wird der Fehlschluss gezogen, dass das Standardformat für Webtexte Kurzmeldungen mit einer Halbwertszeit von höchstens 5 SMS sein muss.

Auch das ist Unsinn. Der ganz grosse Vorteil eines Webmagazins ist im Gegenteil, dass es potentiell unendlich viel Platz zur Verfügung stellt. Alle die lautstarken und engagierten Diskussionen auf den Redaktionen mit Berliner Format, ob nun das dreiseitige Dossier, das bloss fünf spezialisierte Leser interessieren dürfte, im Medium Platz hat, weil es dort anderen, allgemein interessierenden Texten Raum wegnimmt, gibt es auf einer Webredaktion nicht. Ob einer für seinen Text 3000 oder 30’000 Zeichen aufwendet, hat auf den verfügbaren Platz in einem Onlinemagazin keinerlei Auswirkungen. Vielleicht auf die Redaktionsressourcen, aber nicht auf den Platz im Magazin.

Da besteht natürlich die im Zeitungsumfeld durch die Platzknappheit automatisch gezügelte Gefahr zur Ausschweifung. Viele Webblogs gehen da mit schlechtem Beispiel voran. Man muss ihnen aber ja nicht blindlings folgen, nur weil es halt Teil der Cyber Culture sein soll. So erlauben wir uns also, die einmalige Chance zu packen, und unsere Textlängen dem Gegenstand anzupassen, anstatt die Welt immer ins gleiche Prokrustes-Bett zu legen. Als Trost für alle, die sich schon immer gewundert haben, dass auf der Welt gerade so viel geschieht, wie in der Zeitung Platz hat. (wb)

*Berliner Format haben alle Zeitungen, die sich nicht auffalten lassen, wenn man für einen Flug in der Economy-Class einen Sitz gebucht hat – also zum Beispiel die NZZ oder der «Tages-Anzeiger». Da lange Flüge die einzigen Momente sind, in denen der moderne Mensch mangels Alternative noch zum Lesen von Zeitungen gezwungen wird, stellen viele neuerdings auf das handliche Tabloid-Format um, das Gratiserzeugnisse wie «20 Minuten» charakterisiert und das sich auch im Flugzeug oder einem überfüllten S-Bahnwagen umblättern lässt, ohne dem Nachbarn den Kaffee vom Klapptischchen zu fegen.

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

Schreibe einen Kommentar