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Willi Apels Opus magnum

05.04.2004 — 1967 erschien es, seit 1981 war es vergriffen, das Standardwerk zur alten Tastenmusik. Nun legt der Bärenreiter-Verlag eine Neuausgabe von Willi Apels «Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700» vor.

Ins Gebiet der Musikwissenschaft hat sich Willi Apel, 1893 in Westpreussen als Willi Appelbaum geboren, autodidaktisch eingearbeitet. In Berlin studierte er Mathematik und Klavier, u. a. bei Edwin Fischer, und wirkte als Lehrer. Nachdem er 1936 bei Arnold Schering dissertiert hatte, emigrierte er in die USA, wo er zuerst in Cambridge / Mass. und von 1950 bis 1970, über seine Emeritierung hinaus, als Professor für mittelalterliche Musikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington lehrte. 1988 starb Apel, der sich durch viele Publikationen und als Herausgeber von Claviermusik-Anthologien einen Namen gemacht hatte, im Alter von 94 Jahren.

Sein ganzes Leben hindurch habe er sich mit der «Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700» beschäftigt, schreibt Apel im Vorwort des Buches; die amerikanische Übersetzung lag 1972 vor. Wer im 800-seitigen Band blättert, staunt über Apels Einmann-Unternehmen, über seinen weiten Horizont und die Fülle des Materials, das er gesammelt, gesichtet, bewertet, analysiert, zusammengestellt und mit über 860 (akkurat gestochenen) Notenbeispielen im Text illustriert hat. Eine Respekt heischende wissenschaftliche Grosstat. Mit allen Vor-, mit allen Nachteilen: In seinem einlässlichen Nachwort, das dem Reprint der Erstausgabe von 1967 angefügt ist, würdigt der Herausgeber Siegbert Rampe, Cembalist und Musikwissenschafter, die Leistung Apels und die Entstehung der «Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700» (auch die mühsame technische Realisierung des Bandes in den Zeiten des Bleisatzes), weist in einem kritischen Diskurs jedoch auch auf die konzeptionellen und inhaltlichen Schwachpunkte und die Lücken hin.

Die Geschichte der Orgel über eineinhalb Jahrtausende bis ins 13. Jahrhundert stellt Apel an den Beginn der ersten Teils, in dem er die Claviermusik bis 1500 behandelt, von der frühesten erhaltenen Quelle, dem Robertsbridge-Fragment (um 1320), bis zum Buxheimer Orgelbuch (um 1470) und zur ersten fassbaren Komponistenpersönlichkeit, Conrad Paumann (1415–1473).

Während Apel für das 16. Jahrhundert die Darstellung nach Formen (Toccata, Ricercar, Canzone, Fantasia, Tiento, Variationen, Tanztypen) als Ordnungskriterium gewählt hat, stützt er sich im Folgenden auf die Gliederung des Stoffs nach Ländern bzw. Regionen, Epochen und Komponisten. Apel hat in seiner Untersuchung den historischen Terminus Clavier / Claviermusik wiederbelebt, im Buchtitel aus Gründen der (damaligen) Konvention allerdings darauf verzichtet.

Als Cicerone mit weitem Umblick erhellt Willi Apel alle Winkel und Ecken in der Schatzkammer der Claviermusik («also der Musik sowohl für Orgel wie für die besaiteten Instrumente») vom Altertum bis zum Auftreten Johann Sebastian Bachs. Dabei stellt er die Genies, die Neuerer gebührend ins Licht, lässt aber auch die immense Schar der Kleinmeister aus dem Schatten treten, sie durch ihre Biografie und ihr Schaffen Kontur annehmen. Apel berücksichtigt zudem das anonyme Repertoire. Er begnügt sich nicht mit einer lexikalischen Aufzählung oder mit Werkbesprechungen, sondern zeichnet die vielstimmige Entfaltung nach, den entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang der Gattungen, engagiert, sachbezogen, kritisch reflektierend und in einer schnörkellosen Sprache.

Die musikwissenschaftliche und organologische Forschung kann seit Erscheinen der ersten Auflage der grossen Monografie erhebliche Fortschritte ausweisen und ist in manchen von Apel referierten Aspekten zu neuen Erkenntnissen gekommen. Der Herausgeber legt dies offen und steuert Berichtigungen bei; zudem hat er die erweiterte Auswahlbibliografie der amerikanischen Edition von 1972 anstelle der ursprünglichen von 1967 aufgenommen und die Quellenregister der beiden Ausgaben vereinigt. Auf weitergehende Eingriffe hat er respektvoll verzichtet.

Willi Apels legendäres Opus magnum wird nun zweifellos auch jüngeren Generationen von Wissenschaftern, Instrumentalisten und Laien eine Fülle wertvoller Informationen, Einsichten und Anregungen vermitteln. (ws)

Willi Apel: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Siegbert Rampe. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2004. XVI + 817 Seiten. € 39,95. Fr. 71.90.

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