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Zehn Jahre Codex flores

Von Wolfgang Böhler

 

20.09.2013 — Das wird nun ein ziemlich unspektakulärer Hinweis: Uns gibt’s genau zehn Jahre im World Wide Web. Wir sind zufrieden. Grosse Feiern gibt’s aber nicht. Erstens sind zehn Jahre eine komplett willkürliche Zeitspanne. Bei den Babyloniern mit ihrem Sexagesimalsystem würden wir den ersten runden Geburtstag erst in fünfzig Jahren feiern, in der binären Welt hätten wir’s bereits vor acht Jahren getan. Die Wahl des Stellensystems beim Zählen hat nichts mit (eh nicht vorhandenen) Ereignis-Zyklen der realen Welt zu tun. Zweitens betrachten wir nicht unser Magazin als Ereignis, sondern die Dinge da draussen in der Welt, über die wir berichten.

Offiziell lanciert haben wird Codex flores auf die Escom-Konferenz in Hannover im September 2003 hin, welche Treffen der European Society for the Cognitive Sciences of Music und der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie kurzschloss. Die ursprüngliche Idee von Codex flores war, für die Themen der Systematischen Musikwissenschaft mehr Öffentlichkeit zu schaffen. Das widerspiegelt sich in unseren Dossiers.

Seither haben wir uns auch mehr und mehr der Kulturpolitik und dem praktischen Musikleben geöffnet. Über beide berichten wir kritisch, mit einer liberalen Grundhaltung und grosser Skepsis über die Erklärungskraft von Kunst und Kultur mit Blick auf politische und gesellschaftliche Phänomene. Ans spezifische Erkenntnispotential von Kunst glauben wir aber durchaus. Allerdings scheint es uns vor allem im Erwerb handwerklicher Techniken zu liegen und weniger in den Erzeugnissen selber.

In dem Masse, in dem wir alle unseren kulturellen Komos mit «unverzichtbaren Meisterwerken» überstellen, verzichten wir mehr und mehr darauf, uns selber aktiv zu beteiligen, sprich: ein Instrument zu lernen, Gedichte zu schreiben, Bilder zu malen… Das sollte zu denken geben: Immer mehr aufgeregte (und kommerziell interessante) Anbetung, immer weniger gelassene (und kommerziell weniger interessante) Selbsterforschung.

Zehn Jahre Codex flores wären also bloss ein Vorwand für einen Blick zurück. Eine Art Jubiläumspublikation gibt’s aber dennoch: Unsere Erfahrungen mit dem eigenen Modell des Online-Journalismus haben wir in einem Buch festgehalten, das dieser Tage auf den Markt kommt.

Zum Essay «Journalismus und Internet ‒ Warum sich die Medienwelt noch dramatischer verändern wird, als wir heute glauben» (Helden Verlag), hat Hannes Britschgi, der Leiter der Ringier-Journalistenschule ein Vorwort geschrieben. Mit dem Medienhaus Riniger verbindet uns aber sonst gar nichts. Das (gut geschriebene) Vorwort war eine Idee des Verlages. Das Buch ist vielmehr einer der wenigen Texte, die den Webjournalismus und dessen Zukunft aus der Perspektive eines unabhängigen, medienszenefernen und nicht ganz erfolglosen Webpublishers beschreibt.

Man muss nicht alles glauben, was traditionelle Verleger und Verbandsfunktionäre über das Internet und seine Inhalte mit Hilfe der von ihnen kontrollierten Medien unter die Leute zu bringen versuchen. Die sind auch nur Partei und müssen ihre Investitionen schützen, die Armen. Dafür haben wir natürlich Verständnis, auch wenn’s düster aussieht fürs Papiergeschäft.

Bezogen werden kann das Buch im Buchhandel oder direkt über die Webseite des Verlages. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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