![]() |
04.01.2008 — Mit Leonard B. Meyer ist einer der ganz grossen Pioniere der modernen Musikpsychologie gestorben (siehe Nachricht). Er ist einer der wichtigen Wegbereiter griffiger Konzepte der musikalischen Wahrnehmung, die dem Fach den Zugang zu empirischen Überprüfungen geöffnet haben. Den Boden für zahlreiche Entwicklungen in den Kognitions- und Neurowissenschaften der Musik hat Meyer mit seiner Theorie der musikalischen Innenspannungen gelegt, die er als ein Spiel mit Erwartungen und überraschenden Wendungen auslegte. Dargelegt sind diese Ideen in Meyers 1956 erschienenem Klassiker «Emotion and Meaning in Music».
Die Theorie der Erwartungen charakterisierte Meyer in dem erwähnten Buch folgendermassen: «Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum Genuss macht, wird am häufigsten übersehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den Absichten des Komponisten fortwährend zu folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermutungen hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden. Es versteht sich, dass dieses intellektuelle Hinüber- und Herüberströmen, dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewusst und blitzschnell vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuss bieten, welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden könnte, hervorruft und lohnt.» (siehe zur Primärquelle des Zitates folgenden Leserbrief).
Mit dieser Betonung der aktiven Rolle des menschlichen Geistes an der Formbildung der Musik hat Meyer letztlich die Brücke zu gestaltheoretischen Konzepten der kognitiven Musikpsychologie geschlagen.
Meyer hat das Fach aber auch informationstheoretischen Vorstellungen geöffnet. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches veröffentlichte er im Journal of Aesthetics and Art Criticism einen Artikel mit dem Titel «Meaning in Music and Information Theory», in dem er seine Ideen explizit zum informationstheoretischen Ansatz weiter entwickelte. Den Angelpunkt sieht er dabei im Konzept der Markov-Ketten. Es handelt sich um ein statistisches Verfahren, das Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen beschreibt, die von früheren Ereignissen abhängig sind und die Idee der Erwartungen und Enttäuschungen recht gut in mathematisches Denken abbilden. Überhaupt, meint Meyer, seien musikalische Stile nichts anderes als verinnerlichte Wahrscheinlichkeitssysteme. Auch wenn er den informationstheoretischen Zugang zur Musik später etwas relativiert hat, finden sich in den beiden Publikationen wichtige Grundlagen moderner Lern- und Kognitionstheorien.
Meyers Einfluss auf die späteren Generationen kann gar nicht überschätzt werden. Kaum ein Musikpsychologe konnte es sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts leisten, sich nicht mit Meyers Ideen auseinanderzusetzen. Er dürfte zu einem der meist zitierten und -diskutierten Vertreter seines Faches gehören − nicht zuletzt auch, weil er das Geschick hatte, seine komplexen Ideen in einfacher und eingängiger Art darzulegen.
Laut Berichten von Freunden sang Meyer gerne Operetten von Gilbert und Sullivan und zitierte mit Vorliebe Shakespeare. Nach seinem Wunsch sollen auf seinem Grabstein denn auch Hamlets Worte «Der Rest ist Schweigen» zu stehen kommen. Mit welchen Erwartungen Meyer sich ins Jenseits verabschiedet hat und ob sie erfüllt wurden, werden wir leider nie erfahren. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
