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Auftakt zur Reger Werkausgabe (RWA)

12.06.2010 — Nun liegt er vor, Band I/1 der Reger Werkausgabe. Das Revolutionäre daran: Die Neuedition umfasst neben dem gedruckten Band eine digitale Ausgabe auf DVD. Diese doppelte Präsentation setzt Massstäbe und eröffnet neue Perspektiven auf die Editionspraxis und die Rezeption musikalischer Werke.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Bei dieser Hybrid-Ausgabe der sieben Choralphantasien handelt es sich nicht um eine auf DVD angebotene digitale Fassung des gedruckten Bandes (wie bei der Neuen Mozart Ausgabe nma online). Vielmehr zeichnet sie sich aus durch eine bis ins Detail mediengerechte Umsetzung, die den Nutzern neue Möglichkeiten bietet.

Natürlich findet sich auf der DVD-ROM auch der Bestand der gedruckten Ausgabe: die Partituren, die Erläuterungen der Herausgeber, der Kritische Bericht. Doch dazu kommen als Novum die bildbasierten Inhalte. Während in den traditionellen Textbänden nur einzelne Abbildungen beigezogen werden können, bietet das digitale Medium in Fülle Raum für Bildmaterial: zeitgenössische Fotografien und vollständige farbige Quellenfaksimiles der Kompositionen.

Eine zweite Besonderheit: Die Inhalte eines digitalen Mediums stehen nicht in sequentieller Reihenfolge oder tabellarischer Aufstellung wie im gedruckten Buch. Text- und farbiger Bildteil (inbegriffen die erhaltenen Quellen und die edierten Partituren) der DVD sind miteinander verzahnt: Das Hypertext-Prinzip mit seiner netzartigen Struktur ermöglicht es den Benützern, eigene Strategien zum Erschliessen des Stoffes zu entwickeln.

Das heisst: Im Unterschied zu einer gedruckten Werkausgabe folgt der Nutzer nicht dem Pfad, der von den Herausgebern vorgezeichnet wurde, sondern wählt seinen eigenen, vom aktuellen Bedarf geprägten Zugang. (Dass diese Vorteile sich in Ausgaben etwa literarischer oder historischer Werke und Lexika schon seit etlicher Zeit bewährt haben, sei angemerkt.) Das heisst aber auch, dass sich die Editoren von Hybrid-Ausgaben vor neue Herausforderungen gestellt sehen. Denn vieles, das bisher wortreich erläutert werden musste, kann nun unmittelbar durch Zugriff auf die relevanten Quellen vor Augen geführt werden.

Das Edirom-Projekt

Weil Editionen auf Papier immer teurer werden, der Abbildungsteil dabei beschränkt bleibt und das Bedürfnis nach umfassender Information steigt, wurde das Interesse an einer adäquaten digitalen Publikationsform musikalischer Werke wach.

Den Prototyp entwickelte Ralf Schnieder ab 2002, konkret angeregt durch die geplante Herausgabe des Klarinettenquintetts von Carl Maria von Weber. Seit Anfang 2006 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das Edirom-Projekt an der Universität Paderborn zur «Entwicklung von Werkzeugen für digitale Formen wissenschaftlich-kritischer Musikeditionen».

Das Edirom-Projekt wird das Verständnis von Musikeditionen grundlegend verändern: Der modulare Aufbau der Werkzeuge führt zu neuen Technologien in der Musikphilologie, erlaubt das direkte Erschliessen aller Originalquellen, bietet Einsicht in die Entscheidungen des Editionsteams und erleichtert es, wissenschaftliche Erkenntnisse effizienter in die musikalische Praxis zu tragen.

Die Max-Reger-Ausgabe

Am Max-Reger-Institut (MRI) in Karlsruhe wird in Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik der Hochschule für Musik Karlsruhe seit 2008 die Reger Werkausgabe erarbeitet, ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz.

Geplant sind 27 Bände als Hybrid-Editionen, vorgelegt in drei Abteilungen: I. Orgelwerke (7 Bände), II. Lieder und Chöre (9 Bände) sowie III. Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten (11 Bände). Die zwischen 1954 und 1986 vorgelegte – nicht vollständige – Gesamtausgabe umfasst 38 Bände.)

Der Eröffnungsband enthält die sieben Choralphantasien für Orgel von Max Reger (1873–1916). Er komponierte sie in einem Schub enormer Produktivität im Elternhaus in Weiden (Oberpfalz), wohin sich der scheinbar Gescheiterte 1898 nach einer gravierenden Lebens- und Schaffenskrise zurückgezogen hatte, innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren. Vorab dank dem Interpreten Karl Straube erfuhren die nach Strophen gegliederten Phantasien über protestantische Choräle breite Anerkennung, zählen zu den populärsten Werken Regers.

Der Notenband

Der Band (Folio-Hochformat 25,5 x 33 cm; 163 Seiten), der die Partituren der Choralphantasien in grosszügigem Druckbild samt den ihnen zugrund liegenden Choraltexten enthält, umfasst (in Deutsch und Englisch) Bemerkungen zur Reger Werkausgabe und zu den Richtlinien der vorliegenden Edition (Regers Arbeitsweise; Quellenüberlieferung und -bewertung; Abweichungen der RWA von der Leitquelle Erstdruck bzw. Stichvorlage), die Chronologie aller Orgelwerke Regers (1890–1916), die Einleitung (biografischer Kontext; Konzeption der Phantasien; Manuskripte für Karl Straube; Entstehung und Drucklegung; frühe Rezeption) sowie den Kritischen Bericht.

Die DVD-ROM

Die im Band enthaltenen Materialien finden sich auch auf der DVD; sie belegen dort allerdings nur einen kleinen Teil der 6 GB. Aufgrund des grossen Speicherbedarfs muss die von der DVD nicht lauffähige Software auf dem Zielrechner installiert werden – die Dauer dieses Prozederes kann bis zu 60 Minuten betragen! Die Geduld lohnt sich.

Auf der Startseite wählt man eine der Choralphantasien (man kann auch auf das Benutzerhandbuch oder auf Links zum Carus-Verlag, zum Edirom-Projekt und zum Reger-Institut zugreifen). Auf der sich öffnenden Benutzeroberfläche, dem Desktop, findet sich die Menüzeile mit allen wesentlichen Funktionen der Edirom, rechts aussen das Suchfeld, darunter der Navigator mit den Inhalten der Edition. Am unteren Rand bietet die Statusleiste die individuelle Organisation geöffneter Fenster.

Zum Stichwort individuell: Wer sich bei Büchern nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis der Lektüre zuwenden kann, steht hier zuerst vor der Konsultation des Edirom-Handbuchs, dem Aufwand des Einarbeitens, des Erkundens der vielfältigen Funktionen und des Netzes von Bezügen.

Nach der Hauptauswahl einer Choralphantasie lassen sich via Navigator Texte, Notentexte oder Anmerkungen öffnen. Mit dem Konvolut von Texten und Briefen verknüpft sind ein reichhaltiger Bestand an farbigen Bilddokumenten und hochauflösende Scans der Partituren: je nach Quellenlage Entwurf, Erstschrift, Erstdruck, Zweitschrift, Stichvorlage und Werkausgabe (RWA). Die Texte lassen sich in drei Schriftgrössen darstellen, die Noten in Zehnerschritten von 10 bis auf 200 Prozent vergrössern.

Die Partituren können auf bis zu vier Desktops übersichtlich organisiert und miteinander verglichen werden. Einblendbar sind Taktzählung und Taktnavigation (auch synchron in allen geöffneten Werken) und die Anmerkungssymbole (in 3 Prioritäten); über diese werden die zugeordneten Faksimile-Ausschnitte aktiviert.

Ein Ausdruck ist nicht möglich, und die erarbeiteten Darstellungen auf den Desktops bleiben nach dem Beenden der Edirom nicht gespeichert.

Enzyklopädische Materialfülle

Wo immer man eintritt, findet man sich alsbald inmitten eines breit und tief gestaffelten Reger-Kompendiums, in dessen Zentrum die Werke, ihr Umfeld und ihr Autor stehen. Den dicht gesetzten Links folgend, greift man – dies nur einige Beispiele – zu auf Bilder (alte Postkarten mit Städten, sakralen und profanen Gebäuden, Orgeln, Porträts), auf Dokumente, Briefe und Postkarten (original und transkribiert, wobei die Mitteilungen zu Orgelwerken gelb hinterlegt sind), im Textteil auf Personen, ihre Biografie, ihr Bezug zu Reger (Orgelbauer, Orgelbaufirmen, Organisten, Verleger, Dirigenten, Dichter, Maler), Wirkungsstätten Regers, Kirchen mit ihrer Geschichte, ihren Orgeln und deren Disposition.

Eine digitale Musikedition will die gedruckte Ausgabe nicht ersetzen. Die Kombination von Buch und Datenträger, wie sie der RWA zugrunde liegt, dient der musikalischen Praxis und der Forschung. Organisten wie Musikwissenschaftler können sämtliche Originalquellen, ihre Textschichten und Korrekturen rasch und frei erkunden und bis ins Detail miteinander vergleichen, die Entscheidungen der Herausgeber nachvollziehen und abwägen, eventuell zu eigenen Folgerungen gelangen.

Die bildbasierte Aufbereitung der Partituren, der autographen wie der gedruckten, und deren digitale Edition schaffen einen persönlich geprägten, mittels ausgefeilter Suchroutine gezielten Zugang zum Korpus der Choralphantasien. Abgesehen davon: Dem Komponisten quasi über die Schulter zu sehen, in seine Werkstatt Einblick zu nehmen (etwa in die Erstfassung von op. 40/1), seinem Schreibduktus im Manuskript zu folgen (im Bleistiftentwurf zu op. 40/2), ist ebenso reizvoll wie erhellend.

Alles zu Regers Choralphantasien und ihrem Umfeld: ein exzellenter, ein vielversprechender Start der Reger Werkausgabe. (ws)

Max Reger: Choralphantasien. Reger Werkausgabe Band I/1. Herausgegeben von Alexander Becker, Christopher Grafschmidt, Stefan König und Stefanie Steiner. Reger Werkausgabe (RWA). Wissenschaftlich-kritische Hybrid-Edition von Werken und Quellen. Herausgegeben im Auftrag des Max-Reger-Instituts / Elsa-Reger-Stiftung von Susanne Popp und Thomas Seedorf. – Carus-Verlag, Stuttgart, und Max-Reger-Institut, Karlsruhe (52.801 / 2010). Gedruckter Band, 163 Seiten, plus DVD im Schuber (ca. 6 GB; ab Windows XP und Mac OS X ab Version 10.5). – € 144,–. Gesamtsubskription 20% Rabatt, Teilsubskription 15% Rabatt.

siehe auch:
www.carus-verlag.com/index.php3?BLink=reger-werkausgabe
mit Video-Vorstellung der digitalen Anwendungen der neuen Reger-Werkausgabe durch Johannes Kepper, Edirom

www.edirom.de

Die Edirom-Benutzerdokumentation ist abzurufen via:
edirom.de/fileadmin/downloads/Edirom_2010-01_Benutzerhandbuch.pdf

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