12.07.2013 — Unter den gross angelegten Variationszyklen der Musikgeschichte besitzt die 1741 publizierte «ClavierUbung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Denen Liebhabern zur GemüthsErgetzung verfertiget von Johann Sebastian Bach» einen herausragenden Rang.
Bachs erster Biograf, Johann Nikolaus Forkel, legte 1802 mit seinem legendenhaften Bericht vom Auftraggeber Graf Keyserlingk, der an Schlaflosigkeit litt, und dessen Cembalisten Goldberg, der seinem adligen Herrn zum Zeitvertreib diese «Veraenderungen» von Bach vorgetragen haben soll, immerhin die Basis für die prägnante Benennung «Goldberg-Variationen». (Ein Beispiel dafür, wie ein Durchschnittler im Schatten eines Genies zu Licht und Ruhm getragen wird…)
Der österreichische Musikwissenschaftler und Schulmusiker Arnold Werner-Jensen (er dozierte an den Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Weingarten, konzertiert als Pianist und Cembalist und veröffentlichte Konzert- und Operführer sowie musikpädagogische Publikationen) legt im Rahmen der Bärenreiter Werkeinführungen seine fundierte, Theorie und Praxis gleichermassen berücksichtigende Auseinandersetzung mit dem magistralen Zyklus vor, der wissenschaftlich korrekt unter BWV 988 als Teil IV der Klavierübung rangiert.
Nach den drei deutschsprachigen Publikationen aus den Achtzigerjahren über die Goldberg-Variationen (Andreas Traub; Ingrid und Helmut Kaußler; Rolf Damann) ist Werner-Jensens Monografie die erste, die den jüngsten Wissensstand reflektiert, die Diskussionen der zurückliegenden Jahrzehnte aufgreift, instrumententechnische Voraussetzungen und Probleme klärt und sich kritisch mit der Diskografie seit den Dreissigerjahren auseinandersetzt.
Nach Ausführungen zur Entstehung, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte (darunter die Editionspraxis und die beiden Cembalo-Renaissancen) widmet sich der Autor analytischen Betrachtungen (Aria, Chaconne-Bass) und spielpraktischen Hinweisen, darunter Instrumentendisposition, Fragen zu Repetitionen und Tempowahl.
Den umfangreichsten Teil beanspruchen die Einzelanalysen der 30 Variationen, die dem gleichen methodischen Vorgehen folgen: Nach den einlässlichen analytischen Hinweisen kommt Aufführungspraktisches und Spieltechnisches auf Cembalo und modernem Flügel zur Sprache. Die sparsam durch Notenbeispiele veranschaulichten Ausführungen (unabdingbar für ein vertieftes Verständnis ist ohnehin der Beizug der Partitur) widerspiegeln in ihrer sprachlichen Formulierung die sich auf Wesentliches konzentrierende Klarheit der Analyse.
Abschliessend erörtert Arnold Werner-Jensen die Besonderheiten der Interpretation dieses Höhepunkts barocker Variationskunst für Tasteninstrumente auf dem Cembalo und auf dem Klavier und sichtet das Tonträgerangebot der Goldberg-Variationen. Im Anhang finden sich Angaben zur Literatur und zu Notentext-Editionen.
Zitat aus dem Buch:
«Wir sehen also, dass eigentlich alle Argumente dagegen sprechen, dass es Bach hier wirklich primär um eine Demonstration der Variationskunst ging, die ein wacher Hörer bewundernd nachvollziehen könnte und sollte. Das eigentliche Anliegen scheint vielmehr ein völlig anderes gewesen zu sein: Offensichtlich benutzte Bach für diesen Zyklus als konstruktive Basis ein geläufiges Modell, das im Ergebnis jedoch für ihn als Tonsetzer allein im handwerklichen Sinn wichtig war. Man könnte es auch anders formulieren: Offensichtlich reizte es ihn, das altbewährte Chaconne-Modell einmal bis an seine Grenzen zu führen, eher sogar: es über seine natürlichen Grenzen hinauszuführen. […] Insofern nimmt das Chaconne-Modell hier eigentlich genau die Rolle ein, die eine Zwölftonreihe dann bei Schönberg, Webern und Berg haben wird: Sie ist Material und Handwerkszeug, der schöpferische Prozess setzt erst danach ein – eine erstaunliche, Jahrhunderte übergreifende künstlerische Verwandtschaft des schöpferischen Vorganges!» (Seite 145)
(ws)
Arnold Werner-Jensen: Johann Sebastian Bach – Goldberg-Variationen. Bärenreiter Werkeinführungen. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Taschenbuch. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2013. 166 Seiten. € 19,95. Fr. 28.40.