16.12.2012 — Ernster Blick, wirrer Haarschopf, markante Augenbrauen, verkniffene Lippen, herabgezogene Mundwinkel, Kinngrübchen, weicher aufstehender Hemdkragen, geknöpftes Halstuch – unverkennbar Beethoven.
Im gleichen Mass wie die Wertschätzung seines Schaffens wuchs und das öffentliche Interesse an seiner Person stieg, nahmen Beliebtheit und Verbreitung seines Konterfeis zu. Beethoven inspirierte Zeit seines Lebens und ohne Unterbruch bis heute Generationen bildender Künstler wie kein anderer Grosser seines Metiers.
Ein Thema mit vielen Variationen: Die Kunsthistorikerin Silke Bettermann, für das Beethoven-Haus Bonn im Bereich der wissenschaftlichen Erschliessung der Bildersammlung, der Ausstellungsbetreuung und der Museumspädagogik tätig, ist eine durch diverse Publikationen ausgewiesene Expertin der Beethoven-Ikonografie. Nun legt sie eine umfangreiche, bisher nicht in dieser Breite und diesem Facettenreichtum erarbeitete kunsthistorische Gesamtdarstellung vor, einen grossformatigen, reich und farbig illustrierten Band, der von den ersten Porträts des jungen Mannes bis in die Gegenwart führt – zweieinhalb Jahrhunderte Auseinandersetzung mit Beethoven in der bildenden Kunst.
Freunde, Förderer und Verleger waren die ersten, die Porträts Beethovens in Auftrag gaben. Das früheste der historisch gesicherten zeigt den 29-Jährigen, die letzten – Bleistiftzeichnungen und Totenmaske – den Komponisten auf dem Sterbebett. Erhalten haben sich aus diesem Zeitraum etwa dreissig als authentisch geltende Porträts; dazu kommen viele Darstellungen, deren Echtheit bezweifelt wird.
Erstaunlich die ins Auge fallenden qualitativen Unterschiede in der Bewältigung von Beethovens Äusserem – neben Malern und Zeichnern von künstlerischem Rang finden sich auch bemühte Dilettanten. Indes ging es schon früh nicht um scharf beobachtete Charakteristika (sein pockennarbiges Gesicht war nicht zu vereinbaren mit Beethovens makelloser Kunst), vielmehr um ehrerbietige Interpretation des populären Meisters, der ab den 1820er Jahren dann zum Mythos gestaltet wurde.
Silke Bettermann geht im ersten Teil ihrer umfassenden Monografie auf die Entwicklungen des Beethoven-Bildes in Mit- und Nachwelt ein, auf die Voraussetzungen, die Einflüsse, die Ausprägungen von der späten Klassik bis in die Gegenwart. Die Bildnisse und Ansichten mehren sich: Beethoven idealisiert und verjüngt, stilisiert zum leidenden und kämpfenden Helden, von Pathos und Tragik umwoben, ringend um die wahre Kunst, als einsamer Wandernder in stürmischer Landschaft, das Genie eingebettet in allegorische bühnenreife Kontexte. Um den Meister sich rankende Legenden wurden immer neu aufgegriffen und im Goût der jeweiligen Epoche ausgeschmückt oder entzaubert.
Von der Heroisierung und schwärmerischen Verehrung über die Neuansätze nach 1945, die kritische Distanzierung vom Heldenkult und die Entmythisierung bis zum spielerisch gelösten Umgang mit der Ikone Beethoven in der Pop-Kultur und in aktuellen Stilen: Die Autorin zeigt auf, wie die politischen und die sozialen Strömungen, die Änderungen des Geschmacks und des Kunstverständnisses über den Zeitraum von 250 Jahren die Darstellung Beethovens durch europäische und einige amerikanische Kunstschaffende bestimmten in den Medien Grafik, Zeichnung, Malerei, Plastik, Kunstpostkarte, Medaille, Denkmalkunst, Karikatur, Schattenriss, Installation, Performance, Spielfilm und in grenzüberschreitenden Kunstgattungen.
Wie der Gang durch ein imaginäres Kunstmuseum mutet der zweite Teil des Bandes an. Der Katalog umfasst 50 ausgewählte Darstellungen, beginnend mit dem Kupferstich von Stainhauser / Neidl aus dem Jahr 1801, ausklingend mit John Baldessaris Installation «Beethoven’s Trumpet» von 2007 – die ganze Bandbreite von zwei- und dreidimensionalen Bilderfindungen, hier Annäherung, dort Distanz, hier Demut, dort Ulk, hier Konventionelles, dort Verstörendes.
Gegenwärtig stets das Problem, wie man bildlich den komplexen Vorgang des Komponierens wirkungssicher und künstlerisch effektvoll einfangen kann. Auch die Fragen, inwieweit die Beethoven-Ikonografie zu allen Zeiten die Interpreten seiner Musik beeinflusst haben könnte und inwiefern heute Konventionen und Vorstellungen aus der Vergangenheit unsere Sicht auf Beethoven und sein Schaffen mitprägen.
Mit Fakten und fundiertem Urteil in Breite und Tiefe leuchtend, fokussiert die Autorin in den Einzelbesprechungen auf einen bildenden Künstler, sein Schaffen, seine Umwelt und ein (ganzseitig reproduziertes) Werk, fügt zusätzliche Illustrationen bei. Silke Bettermanns immenses, durch eigene Forschungstätigkeit und Recherche erweitertes und umsichtig vermitteltes Wissen prägt auch den Katalogteil, macht ihn zu einem inhaltlich vielschichtigen Nachschlagewerk.
Der typografisch und im Layout gediegene Band bietet in Wort und Bild einen an Zusammenhängen und Einsichten reichen Gang durch die Kunst- und Kulturgeschichte gut zweier Jahrhunderte, vermittelt zwischen Künstler, Kunstwerk und Betrachter und reflektiert die mannigfaltigen Spuren, die Beethoven in der bildenden Kunst hinterlassen hat.
Zitat aus dem Buch:
«Während die meisten Darstellungen Beethovens, die seit dem Tod des Komponisten entstanden, von einer aufrichtigen und tiefen Bewunderung für ihn erfüllt sind, ist bei bildenden Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren – verstärkt auch der Ansatz zu einer kritischen oder humorvoll distanzierenden Sicht zu beobachten. Dies dürfte zum einen die Ursache in der massenhaften Verwendung von Beethoven-Darstellungen für Werbemittel wie Poster und Plakate, LP- und CD-Cover, aber auch für Kitsch aller Art haben, zum anderen aber auch in einer generell zunehmenden kritischen Haltung gegenüber traditionell anerkannten Kulturwerten begründet sein, die durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und die gesellschaftlichen Umbrüche in der Zeit um 1968 bedingt wurden.» (Seite 110)
(ws)
Silke Bettermann: Beethoven im Bild. Die Darstellung des Komponisten in der bildenden Kunst vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Verlag Beethoven-Haus Bonn und Carus-Verlag, Stuttgart 2012. 416 Seiten mit 225 Abbildungen. € 89,–. Fr. 120.40.