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Briefe von Otto Klemperer 1906–1973

23.09.2012 — Er war ein Mann des Taktstocks (obwohl er über dreissig Jahre ohne ihn dirigierte), der sich stets auch als Komponist verstand. Ein eloquenter, auf literarischen Ruhm schielender Briefschreiber war er nicht. Und ganz selten nur gewährte er ausgewählten Adressaten mit knappen Sätzen einen Einblick in seine Privatsphäre.

Trotzdem: Die nun veröffentlichten Briefe Otto Klemperers (1885–1973) sind Zeugnisse eines wachen Geistes, dokumentieren den Werdegang des Musikers und reflektieren einen langen Zeitraum wichtiger kultureller, gesellschaftlicher und politischer Ereignisse und Entwicklungen. Etwa 4000 Schreiben haben sich erhalten, von denen Klemperers Tochter Lotte (1923–2003) einen Zehntel für die Publikation auswählte. Möglich, dass sie dabei als zu persönlich Bewertetes unter Verschluss behielt.

Immerhin liest man da einen berührenden Brief des Vaters an die 17-jährige Tochter vom Januar 1940 über Glauben und Religion: «Der Mensch ist nicht hundert prozentig, dafür ist er nur ein Mensch. Hundertprozentig ist nur die Gottheit. […] Du schreibst, Du hassest das Leben – warum? Das Zusammenleben der Menschen braucht die Lebenslüge. Das ist nun einmal nicht zu vermeiden – man sollte mit Humor darüber hinweg gehen.»

Vom ersten dirigentischen Erfolg des 20-Jährigen (er leitete 1905 in der Berliner Erstaufführung von Mahlers 2. Sinfonie das Fernorchester und lernte den Komponisten persönlich kennen) spannt sich der Bogen einer glanzvollen Karriere von der Weimarer Republik mit Stationen in Köln, Wiesbaden und Berlin (Krolloper), ab 1933 nach der Vertreibung durch die Nazi-Diktatur über die USA (Los Angeles Philharmonic Orchestra) bis zur Rückkehr nach Europa (1947), wo das Philharmonia Orchestra London ihn 1959 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit ernennt.

Eine Laufbahn voller Triumphe als Dirigent, nie als Komponist, auch ein von gesundheitlichen Problemen erschüttertes Leben: Klemperer, operiert an einem Hirntumor, der später zu Lähmungserscheinungen führte, im Alter wachsende Taubheit im rechten Ohr und immer wieder manisch depressive Nervenkrisen, die er in Kliniken kurieren musste.

Die thematische Spannweite der Briefe ist weit: Biografisches, Karriereplanung, Repertoire in Oper und Sinfonik, eigenes kompositorisches Schaffen (wer führt heute noch eine seiner sechs Sinfonien, seiner neun Streichquartette, wer die Vielzahl seiner Lieder, seine Oper «Das Ziel» auf?), Programmgestaltung, Besetzungsfragen, Tourneepläne, Probenarbeit, Berichte an Komponisten über von Klemperer geleitete Aufführungen und Operninszenierungen, Fragen und Detailabklärungen zu Werken, Bitten um Partituren und Klavierauszüge zum Studium. Manches liest sich wie Notate aus dem Tagebuch: Auftritte, Tourneen, Gastdirigate, später Einspielungen (ab 1932, erste Stereo-Aufnahme 1964), Reibereien mit Veranstaltern und Orchestermusikern, Auseinandersetzungen mit Chordirektoren, Inspizienten, Choristen, Aufnahmeleitern.

Persönlicheres hat hie und da belletristische oder wissenschaftliche Lektüre zum Gegenstand, gesellschaftlichen Klatsch, Urteile über Dirigentenkollegen und Komponisten, finanzielle, gesundheitliche und familiäre Sorgen, das gebrochene Verhältnis zur zeitgenössischen Nachkriegs-Musik, zur Zwölfton-Komposition.

Ein aufschlussreiches Spektrum beleuchtet Klemperers Reaktionen auf die politischen und sozialen Strömungen. Wie viele deutsche Künstler seiner Generation war er gezwungen, Stellung zu beziehen. Mit guten Gefühlen noch dirigiert er 1922 in Rom vor Wagners «Siegfried» den Königsmarsch, die marcia real, dann die «Hymne der Faczisten», «Giovinezza». Während seine Tochter schon früh das Unheil kommen sah, realisiert der vordem umjubelte Klemperer erst nach und nach die um sich greifende Katastrophe. «Ich kann nur noch mit Wilde […] sagen: ,Schreckliches wird geschehen’!» (Brief 149, Juli 1933) Seine Reaktionen erweisen ihn als moralisch integren Menschen und konzessionslosen Künstler. «Und wenn ich auch gerne zugeben will, dass Kunst und Politik nichts zusammen zu tun haben so meine ich doch, dass Kunst und Ethos unzertrennlich sind.» (Brief 180, April 1936, zum Fall Furtwängler).

Auch nach dem Krieg sah er, der in Los Angeles und New York nach eigenem Bekunden zum «Aussenseiter» gewordene Dirigent, für Deutschland schwarz: alte Parteigenossen in neuen Ämtern und schwelender Antisemitismus. «Die neue Politik in Deutschland ist so schauderhaft, dass man kaum darüber sprechen kann.» (Brief 358, Dezember 1966) Er, der ehemalige Avantgardist und Revoluzzer, flüchtet in sichere Werte, würde nur noch gerne «Musik von Bach, Mozart und Beethoven dirigieren. Das ist natürlich eine Phantasie.» (Brief 263, Januar 1952) Das Muskelspiel der Weltmächte macht ihm Angst: «Was soll ich von der Weltsituation sagen?! Ich glaube man rollt fast unbewusst in den Abgrund.» (Brief 380, Dezember 1967)

Komponisten, Dirigenten, Instrumentalisten, Regisseure, Sängerinnen und Sänger, Philosophen, Literaten, Politiker, Manager, Freundinnen und Kollegen, Frau (Johanna Geisler) und Kinder (Werner und Lotte) sind die Adressaten seiner Briefe. Humor, gar Witz blitzen selten auf, es herrscht in der Regel der ernste nüchterne Tonfall intellektueller Anweisung und Auseinandersetzung, wobei auffällt, dass Klemperer stets den Diskurs sucht, ohne konzessionsbereit eigene Meinungen aufzugeben.

Die fast sieben Jahrzehnte umspannenden 426 in deutscher, vereinzelt in englischer Sprache verfassten Zeugnisse eines der Grossen seiner Zunft hat der Herausgeber Antony Beaumont, englischer Musikwissenschaftler und Autor von Büchern u. a. über Zemlinsky und Busoni, in 13 Teile gegliedert und vorbildlich erschlossen: mit chronologischen Lebensdaten (relevante historische Ereignisse, die hier der übersichtlicheren Information halber in Kurzform zusätzlich hätten Platz finden können, sind ausführlich in die Fussnoten aufgenommen worden), Anmerkungen, Erläuterungen und Verweise im Anschluss an jeden Brief, und im Anhang neben dem Personenregister (ein Who’s who des 20. Jahrhunderts) Kurzbiografien der Briefempfänger, im weiteren aufschlussreiche Kommentare (in englischer Sprache) zu Klemperers Persönlichkeit und Arbeitsweise von Lotte Klemperer, der Managerin, Sekretärin und Betreuerin ihres Vaters, der auch die Zusammenstellung der Liste von Klemperers umfangreichem Repertoire zu verdanken ist.

Zitat aus dem Buch:
«Neulich hörte ich in der Universität [Los Angeles] einen Vortrag, der die kulturellen Beziehungen Russlands und Amerikas behandelte. Da wurde auch viel von Musik gesprochen. Giebt es überhaupt eine socialistische, kapitalistische oder demokratische Musik? Ich glaube, es giebt nur gute oder schlechte Musik. Natürlich waren die Komponisten von ihrer Umwelt beeinflusst, aber doch nur beeinflusst. Das Wesentliche in ihnen wurde doch nicht verändert. Beethovens Musik ist nicht gross, weil sie demokratisch ist, sondern weil der Komponist ein Genius war.» (Brief 232, Dezember 1945)
(ws)

Antony Beaumont (Hrsg.): «Verzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen». Briefe von Otto Klemperer 1906–1973. Ausgewählt von Lotte Klemperer. Mit einem Vorwort von Nuria Schoenberg-Nono und Schwarz-weiss-Abbildungen. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2012. 658 Seiten. € 54,–. Fr. 78.90.

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