09.06.2011 — Den langen Entwicklungsweg der besaiteten Tasteninstrumente säumt neben Komponisten, die zum goldenen Personal des Musiklebens zählen, auch eine um ein Vielfaches grössere Zahl einst populärer Meister. Immerhin sind sie noch zu finden, die Cembalistinnen und Pianisten, die sich auch abseits der Hauptpfade umsehen und für Horizonterweiterung ihrer Hörerschaft besorgt sind. Auch da spiegeln sich Musikgeschichte und persönliches Schicksal. Vier Beispiele.
Claude-Bénigne Balbastre
Die Britin Sophie Yates ist mit einer Reihe von Einspielungen für das Label Chandos hervorgetreten, in denen sie ihre Kompetenz in Sachen englischer und französischer Claviermusik beweist. Nun hat sie (nicht als erste übrigens) die 1759 publizierte Sammlung von 17 «Pièces de Clavecin» von Claude-Bénigne Balbastre (1727–1799) aufgenommen.
Balbastre, Schüler von Jean-Philippe Rameau, hochbegabt und am Hof rasch zu Ansehen und Ehren gekommen, war Cembalolehrer von Königin Marie Antoinette, Organist an Notre-Dame und an weiteren illustren Institutionen. Sein Orgelspiel zog geballte Publikumsmassen an; Balbastre sonnte sich im Glanz seines Könnens und der Wertschätzung der Stützen des Ancien Régime. 1789 – der exklusive Kreis seiner königlichen und adeligen Gönner lichtet sich auf dem Revolutions-Schafott – hängt er sein Mäntelchen nach dem Wind: Er bleibt zwar Titularorganist an Notre-Dame, nun «Tempel der Wahrheit» benannt, improvisiert aber fortan über die Marseillaise und andere revolutionäre Hymnen. 1799 (der Erste Konsul Napoleon Bonaparte erklärt die Revolution für beendet, Beethoven vollendet die Pathétique) stirbt Balbastre, 72-jährig, vereinsamt und im Elend.
Er hatte seine grosse Zeit, in der er Bleibendes schuf, längst überlebt. Das machen die im Jahr 1759 veröffentlichten «Pièces de Clavecin» erfahrbar. Da entfaltet sich in Melodie, Harmonie, Rhythmus und (nicht ausufernder) Ornamentik die Üppigkeit des Rokoko und des galanten Stils mit Rückbindungen an den Spätbarock und Vorgriffen auf die Frühklassik, spürbar offen jedenfalls für «fremde» Einflüsse. Heiterkeit und Charme dieser 17 Charakterstücke bringt Sophie Yates auf einem zweimanualigen Cembalo von Andrew Garlick, einer Kopie von Jean-Claude Goujon aus dem Jahr 1748, mit improvisierendem Gestus zum Klingen.
Giovanni Benedetto Platti
1697 in Padua in eine Musikerfamilie geboren (sein Vater war Mitglied der Instrumentalkapelle an San Marco in Venedig) und in der Lagunenstadt an diversen Blas- und Streichinstrumenten und in Komposition ausgebildet, wo damals Gasparini, Vivaldi, Lotti, Albinoni und die Brüder Marcello wirkten, verliess Giovanni Benedetto Platti früh Italien und fand in Würzburg am Hof des Fürstbischofs von Schönborn Anstellung. Er diente auch unter dessen Nachfolgern, ehelichte eine am Hof tätige Sopranistin, die ihm acht Söhne gebar. Er starb 1763. Neben Kirchen-, Kammer- und Konzertmusik komponierte Platti auch Sonaten für Tasteninstrumente – Bartolomeo Christoforis Fortepiano (Hammerklavier) hatte er bereits 1722 in Siena kennengelernt.
Der Turiner Dirigent, Komponist, Cembalist und Organist Luca Guglielmi interpretiert auf modernen Nachbauten von Hammerklavier und Cembalo aus Cristoforis Werkstatt ebenso technisch brillant wie musikalisch sensibel strukturiert die sechs späten Sonaten, in denen sich Platti, der im Barock Wurzelnde, als experimentierfreudiger Vorklassiker mit Vorstössen in frühromantische Ausdrucksgefilde offenbart. Spannend die eloquente Pianistik, die Melancholie in den langsamen Sätzen, die Phasen des Übergangs, des Erprobens von Neuem, die Modernität der Sonatenform (dreiteilig, zwei Themen), kurz: die kühne Erfindungskraft eines Genies, das unverdient ein Schattendasein fristet.
Paul Dukas
«… Ach, da kommt der Meister! / Herr, die Not ist gross! / Die ich rief, die Geister, / Werd ich nun nicht los.» – Fällt der Name Paul Dukas, zieht er alsogleich «L’Apprenti Sorcier» nach sich, das sinfonische Scherzo nach Goethes Ballade «Der Zauberlehrling». Klein und Gross haben sich an Disneys Zeichentrickfilm «Fantasia» (1940) delektiert, in dem Micky Maus in der Titelrolle das Wasser bald bis zum Halse steht.
Kaum bekannt dagegen, dass Dukas eine Transkription seines 1897 uraufgeführten Erfolgswerks für zwei Klaviere fertigte. Falsch wäre es, sie mit der brillant instrumentierten farbensatten Orchesterfassung vergleichen zu wollen. Die Substanz bleibt zwar die gleiche, die Kolorierung ist matter, doch besticht das Klavier-Konzertstück durch die geschliffene Transparenz des Satzes und das starke perkussive Element.
Marco Rapetti hat es unternommen, Dukas’ sämtliche Werke für Klavier einzuspielen, darunter auch «L’Apprenti Sorcier», das er mit seinem Partner Riccardo Risaliti ebenso poesievoll wie dramatisch fulminant realisiert.
Paul Dukas (er wurde 1865 in Paris geboren, starb dort 1935) stand im Spannungsfeld zweier Epochen, der spätromantischen Richtung und der französischen Moderne. Die Popularität, die ihm in seiner Heimat zukommt, erreichte er im Ausland nicht – wem sind schon seine Sinfonie, die Tanzdichtung «La Péri», die Oper «Ariane et Barbe-Bleue» gegenwärtig? Wer liest noch seine zahlreichen musikkritischen Artikel?
Hochgeschätzt als Autorität seines Fachs war er von seinen Studenten am Pariser Conservatoire, darunter Manuel Ponce, Jehan Alain, Maurice Duruflé, Dinu Lipatti, Joaquín Rodrigo, Olivier Messiaen. Seine skrupulöse Selbstkritik zwang Dukas ein verhaltenes Arbeitstempo auf, und fast alle Kompositionen, die er nach 1912 zu Papier brachte (eine weitere Sinfonie, eine sinfonische Dichtung, zwei Ballette, eine Violin-Klavier-Sonate), vernichtete er.
Zu seinen Hauptwerken für Klavier gehört die Saint-Saëns gewidmete viersätzige es-Moll-Sonate (1897–1900) mit einer Aufführungsdauer von drei Viertelstunden, eine der gewichtigsten Partituren der französischen Klaviermusik, ein magistraler Rückblick auf die hochvirtuose emotionsgeladene Romantik eines Schumann und Liszt, Franck, d’Indy und Saint-Saëns. Weniger breitschultrige Vollgriffigkeit prägen die übrigen Werke: Variations, Interlude et Finale sur un thème de Rameau (1902) und die kürzeren Stücke Prélude élégiaque sur le nom de Haydn (1909), La Plainte, au loin, du faune… (1920) und das hier in Ersteinspielung erklingende Allegro pour Monsieur Serge Koussewitzky (1925).
Zum Gedenken an ihren Lehrer komponierten neun Kollegen und ehemalige Studierende Beiträge für die Sammlung «Le Tombeau de Paul Dukas» (1936). Marco Rapetti, der in seinem Spiel ausgefeilte Technik mit emotionaler Kraft, rhythmischer Stringenz und reich schattierten Klangfarben beweist, interpretiert auch die Tombeau-Stücke mit Einfühlung in ihre stilistischen Eigenarten.
Niccolò Castiglioni
Bilderbuchstart einer Karriere: Niccolò Castiglioni studierte nach der Musikausbildung in seiner Geburtstadt Mailand, die er als Bester seines Jahrgangs abschloss, in Salzburg bei Friedrich Gulda, Carlo Zecchi und Boris Blacher. Zwischen 1958 und 1965 nahm er an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil. 1961 wurde ihm der Premio Italia zuerkannt. Fünf Jahre später folgte er einer Berufung in die USA, wo er bis 1970 an verschiedenen Universitäten lehrte.
Castiglioni, 1932 geboren, setzte sich mit den modernen Strömungen in Musik, Kunst, Literatur und mit philosophischen Schriften auseinander. Während kurzer Zeit in den Fünfzigerjahren war er als Konzertpianist tätig, dann widmete er sich ausschliesslich der Lehrtätigkeit und der Komposition. Nach seiner Rückkehr nach Italien unterrichtete er in Trient, dann in Mailand, wo er 1996 verstarb.
Dass er zu einem Aussenseiter der Avantgarde wurde, mag auch mit seinem introvertierten bis verschrobenen Charakter zusammenhängen. In seiner Musik spiegelt sich mancherlei davon: Eigenbrötlerisch und kindlich, versponnen und zerstreut, insistierend und provokativ – die Musik eines Einsamen, der Selbstgespräche führt, dem aber Witz und Humor zur Seite stehen.
Der exorbitanten Virtuosität dieser meist nervös aufgeladenen pointilistischen Partituren zeigt sich der italienische Pianist Enrico Pompili ebenso gewachsen wie den irisierenden Klangschattierungen und den vertrackten rhythmischen und emotionalen Verästelungen. (ws)
Claude-Bénigne Balbastre: Pièces de Clavecin, publ. 1759. – Sophie Yates, Cembalo. (Chaconne Chandos CHAN 0777; 76’. Booklet engl./dt./frz.)
Giovanni Benedetto Platti: The Late Keyboard Sonatas. (Sonaten 107, 110, 112, 116, 125, 126) – Luca Guglielmi, Cembalo und Hammerflügel. (Accent ACC 24228; 70’. Booklet engl./dt./ital./frz.)
Paul Dukas: Complete Piano Works. («L’Apprenti Sorcier». Sonate es-Moll; Variations, Interlude et Finale sur un thème de Rameau; Prélude élégiaque sur le nom de Haydn; La Plainte, au loin, du faune…; Allegro pour Monsieur Serge Koussewitzky.) Le Tombeau de Dukas (Sätze von Schmitt, de Falla, Pierné, Ropartz, Rodrigo, Krein, Messiaen, Aubin und Elsa Barraine). – Marco Rapetti, Klavier. Riccardo Risaliti, Klavier II. (Brilliant Classics 9160; 2 CDs, 112’. Booklet engl.)
Niccolò Castiglioni: Piano Works. (Initio di movimento; Cangianti; Tre pezzi; Come io passo l’estate; Dulce refrigerium; Sonatina; Das Reh im Wald; In principio era la danza; He; Preludio, Corale e Fuga). – Enrico Pompili, Klavier. (Brilliant Classics 9167; 68’. Booklet engl.)