16.09.2011 — Grenzüberschreitungen öffnen Wege, führen zu weiträumigen Umblicken, zu neuen Einsichten, denken zusammen, was bislang getrennt war. Die 20 Beiträge im Band «Dialoge und Resonanzen» belegen dies; sie brechen mit abgeschlossenen Ordnungssystemen, mit der zementierten Trennung von «hohen» und «niederen» Regionen, mit der Beschränkung auf geografische Grenzen, auf einzelne Epochen, Gattungen und Künste.
«Musikgeschichte zwischen den Kulturen» (Untertitel) spürt den Verflechtungen und Vernetzungen nach, widerspiegelt Rezeptionsgeschichte und zeigt in den fünf Teilen, wie ertragreich Dialoge von Kompositionen mit Literatur und bildender Kunst, wie spannend Resonanzen zwischen Musikern untereinander und ihrem gesellschaftlichen Umfeld sein können.
Literatur und Kunst in der Musik. Anhand der späten Novelle «Kreutzersonate» und weiterer Äusserungen Tolstois über die Musik als die Kunstform des Gefühls stellt Hans-Joachim Hinrichsen Tolstois Hassliebe-Beziehung zur westlichen Kunstmusik dar. – Das Nachleben von Dantes «Göttlicher Komödie» im Musiktheater (über 60 Opern seit 1796) konkretisiert Albert Gier anhand älterer und jüngerer Werke. – Wie Martinů den radikalen Dadaismus von Georges Ribemont-Dessaignes’ Einakter «Larmes de couteau» in der gleichnamigen Zeitoper in Musik überführt, untersucht Ivana Rentsch in ihrem Beitrag «Dadaistische Oper?».
Wissenschaftstraditionen. Unter dem Titel «Mozart durch Darwins Brille» erörtert Arne Stollberg Friedrich von Hauseggers Buch «Die Musik als Ausdruck» und dessen Aspekte für die Opernanalyse. – Amerikanische und europäische Perspektiven der Musikanalyse vergleicht Lukas Haselböck anhand von Debussys Klavier-Prélude «Brouillards». – Gedanken zu «Schubert ‚ohne Erde’» äussert Otto Kolleritsch. Er hat an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz das Studium des Doktor artium eingeführt, in dem sich Reflexion und Praxis «zu einem Dritten verbinden» und neues originäres Wissen schaffen: «Wissensgenerierung aus der Perspektive der Kunst plädiert durch Dekonstruktion für ein Drittes, das man nicht kennt, das aber zu vermuten ist. Dieses Dritte vermag die Kunst dann zu finden, wenn sie die Logik der Zusammenhänge kreativ durchbricht.»
Gattungstraditionen. Anselm Gerhard widmet sich in «’Freie Musik‘ statt ‚tödliche Langeweile’» dem mehrschichtigen Verfahren der Montage und der Stilkopien in Rimsky-Korsakows Literaturoper «Mozart und Salieri». – Überlegungen zur Wagner-Kritik des französischen Komponisten und Musikrezensenten Paul Dukas trägt Giselher Schubert bei. – Auf der Suche nach der neuen Innerlichkeit: Andreas Zurbriggen stellt Wolfgang Rihms Lied «Hochroth» aus dem Zyklus «Das Rot» und die Klavierliedtradition nach dem Zweiten Weltkrieg ins Zentrum seines Beitrags. – Die Ikone Mozart in Erinnerung und Bild bei Helmut Lachenmann in den Kompositionen «Accanto» und «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» thematisiert Matthias Schmidt. – Kulturtransferforschung zwischen Neuer Musik und Popmusik geht Simone Hohmaier in ihrem Artikel «Crossing the Line» nach.
Paris. Den amerikanischen Nachwuchskomponisten Ned Rorem (*1923) und seine jahrzehntelangen Zwiegespräche mit Poulenc und Paris stellt Jens Rosteck in einem breiten Panorama der Seine-Metropole dar. – Christoph von Blumröder steuert kompositionsgeschichtliche Momentaufnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg im kulturellen Dialog zwischen Paris und Köln bei (Messiaen, Boulez, Bayle, Henry, Schaeffer, Stockhausen). – Besetzung und Klangfarbendisposition in Olivier Messiaens Orchesterwerken analysiert Jürgen Maehder. – Einen «weltgeschichtlichen Durchgang» unternimmt Andreas Meyer anhand einer Zusammenschau der Kulturen in Gérard Griseys «Quatre Chants pour franchir le seuil» (1998).
Nationen und Kulturen. Blicke auf China, Mexiko, Russland und Österreich im letzten Teil. Ein Kapitel aus der Geschichte des Kulturaustausches zwischen China und Europa resümieren Kii-Ming Lo und Li-Xing Hong in ihrem Beitrag über die Aufzeichnungen des französischen Missionars Joseph-Marie Amigot. – Klaus Pietschmann sichtet in deutschen Musikzeitschriften Berichte über das mexikanische Musikleben im 19. Jahrhundert. – Die Rolle des Feuers und seine vielen Erscheinungen in Wagners «Ring des Nibelungen» durchleuchtet Harald Haslmayr (vgl. unten: Zitat aus dem Buch). – «Von der Adaption zur Emanzipation» hat Walter Kläy seinen Essay über den ungleichen Austausch zwischen russischem und westlichem Musikschaffen betitelt. – Und Hartmut Krones befasst sich mit der Frühzeit der Schweizer Arbeitersänger, wie sie von Österreich aus gesehen und begleitet wurden.
Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren sowie das Namenregister beschliessen den reichhaltigen, auf vielschichtige Weise anregenden Band. «Dialoge und Resonanzen» ist dem Berner Musikforscher Theo Hirsbrunner zu seinem 80. Geburtstag gewidmet. Wenige Monate vor der Publikation der Festgabe ist er verstorben.
Zitat aus dem Buch:
«Ziemlich parallel zur Entstehungszeit des ‚Ring des Nibelungen‘, also von 1848 bis 1874, gelang es den erst im Entstehen begriffenen Vorläufern der modernen Brandschutztechnik, katastrophal-flächendeckende Feuersbrünste zumindest aus der gesellschaftlichen Tagesordnung zu verbannen. […] Ein Vergleich bietet sich an: Wie das Motiv des ‚Türken‘ erst dann in die mitteleuropäischen Künste einzudringen vermochte, als die konkrete Bedrohung von Leib und Leben durch türkische Überfälle durch den Frieden von Passarowitz (1718) innerhalb der Grenzen der Habsburgermonarchie endgültig gebannt war, so konnten die mythisch-archetypischen Schichten des Phänomens ‚Feuer‘ erst dann auf allgemein gesellschaftliches Interesse stoßen, als ihre konkret-tödliche, gesamtzivilisatorische Bedrohung – im Wortsinn – nach und nach im Erlöschen begriffen war.» (aus «Im Feuer leuchtend…» von Harald Haslmayr, Seite 290f.)
(ws)
Ivana Rentsch, Walter Kläy, Arne Stollberg (Hrsg.): Dialoge und Resonanzen. Musikgeschichte zwischen den Kulturen. Theo Hirsbrunner zum 80. Geburtstag. Mit Abbildungen, Notenbeispielen und Tabellen. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2011. 365 Seiten. € 32,–. Fr. 42.90.