14.03.2010 — Ein Todesfall und ein Bankrott: Für die grosse Orgel der aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammenden Stiftskirche von Rozay-en-Brie, 50 km östlich von Frankreichs Hauptstadt gelegen, waren dies günstige Fügungen.
Das Instrument mit drei Manualen und Pedal, gestiftet von den Kanonikern der Notre-Dame in Paris, sollte 1723 durch François Deslandes gründlich umgebaut werden. Kurz nach Beginn der Arbeiten verschied er; sie wurden eingestellt.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts war die nur noch sporadisch benützte Orgel unspielbar und zu einem Taubenschlag geworden – «nicht mehr reparierbar», hiess es in einem Kostenvoranschlag der Manufaktur Anneesens et Fils, die dem Pfarrer den Abbruch empfahl und einen Neubau offerierte. Doch die Firma ging alsbald pleite, die Orgel dämmerte weiter vor sich hin.
Ein Glücksfall, denn nun, nach diversen respektvollen Restaurierungen, so durch Gabriel d’Alençon (1930–1933) und Yves Cabourdin und Jean-Pierre Decavèle (Manufacture Provençale d’Orgues, 1989–1996), repräsentiert die Orgel mit der ältesten noch spielbaren Klaviatur Frankreichs den raren Typus eines grossen Instruments aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts in zu neunzig Prozent originalem Zustand.
Die Collégiale Notre-Dame de la Nativité im Flecken Rozay-en-Brie mit ihrem klangmächtigen «Monument Historique», dessen Erbauer erstaunlicherweise anonym geblieben ist, liegt im Herzen einer Landschaft, die durch ihren Weichkäse, den Brie, bekannt geworden ist, und die unter Musikfreunden als Region illustrer Musikerfamilien einen klangvollen Namen besitzt. Die Forquerays, die Cliquots und die Couperins hatten nahebei ihr Stammland; so kommt es nicht von ungefähr, dass das Instrument in Rozay-en-Brie auch «l’orgue des Couperins» genannt wird.
Die Geschichte dieser Orgel und die Erinnerung an berühmte Komponisten fügt der Schweizer Organist Albert Bolliger in zwingender und im Spiel inspirierender Art zusammen: im illustrierten Booklet, das gründlich Auskunft gibt über Instrument und die verwendeten Registrierungen, wie auch durch die Auswahl der Werke von Meistern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, darunter Gilles Jullien, Nicolas-Antoine Lebègue, Jacques Boyvin sowie Louis Couperin, François Couperin (le Grand) und Armand-Louis Couperin.
Ein weiteres günstiges Geschick sei nicht unterschlagen: Kirche und Orgel überstanden die Verwüstungen im Gefolge der Französischen Revolution von 1789 unbeschadet. Anzeichen deuten darauf hin, dass die Einwohner des Dorfes die Metallpfeifen ausgebaut und versteckt haben, um sie der Metallrequisition zu entziehen.
Nicht zu vergessen: Die Verheerungen in zwei Weltkriegen haben viele unersetzliche Orgeln in ganz Europa zerstört, und manches erhalten gebliebene alte Instrument wurde durch respektlose Umbauten seiner Seele beraubt – umso kostbarer sind Orgeln wie die von Rozay-en-Brie. (ws)
Orgues historiques de France. Vol. 7. Albert Bolliger an der Orgel der Collégiale Notre-Dame de la Nativité in Rozay-en-Brie. (Sinus 3007; 62’)
siehe auch:
Vol. 1 bis 3, Vol. 4, Vol. 5 Vol. 6