Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Die Ritter und ihre Welt

07.07.2011 — Tristan und Isolde, Parzival, König Artus und seine Tafelrunde, der Zauberer Merlin, Richard Löwenherz und eine ganze Heerschar illustrer Figuren, darunter das Personal des Nibelungenlieds (teilweise eingegangen in Wagners «Ring»), behaupten Rang und Raum in unserer Vorstellung vom Mittelalter.

Viele führen ein vitales Leben nach dem Untergang des Rittertums: Renaissancen in der Musik (der Oper vor allem), der bildenden Kunst und in der Literatur. Thematische Ausstellungen in historischen Museen, Hollywood-Produktionen, PC-Action-Spiele, Mittelaltermärkte mit Ritterfestspielen, Rittertafeln in Burggemäuern und theatralisch aufwendige Rekonstruktionen berühmter Schlachten mit Dutzenden von Pferden locken Völkerscharen in die ferne Vergangenheit.

Realität und Phantasie verzahnen sich: Die Ritter und deren hohe Zeit haben bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüsst. Da waren, so will es die Legende, die Männer noch Kerle, Krieger, Haudegen und Wegelagerer. Sie waren Tournierkämpfer, Raubritter, Kreuzfahrer (milites christiani, Gotteskrieger) und enragierte Frauenverehrer, die zur Laute leise Balladen sangen. Und Burgfräulein und höfische Damen schenkten heldenhaften Minnerittern Huld (und manchmal gar mehr).

Doch auch hier ist alles viel komplexer, als es den Anschein macht. Karl-Heinz Göttert, Germanistikprofessor an der Universität Köln, vielseitig interessierter Autor (aus seiner Feder stammen Publikationen zu Themen wie Aberglaube, Sprichwörter, neue Rechtschreibung, Feste, Geschichte des Anstands, Schwätzer) und Herausgeber, geht in seinem jüngsten Buch den Gründen nach, die Ritter und Rittertum ausgezeichnet haben, beschreibt den damit verbundenen Lebensentwurf samt seinen Facetten und erörtert, was davon trotz des Untergangs der Ritter «noch in uns steckt bzw. was genau wir eigentlich überwunden haben (oder auch nicht)».

In 36 inhaltlich klar gegliederten Kapiteln spannt Göttert den Bogen von den Ursprüngen des Rittertums im frühen Mittelalter bis zum Untergang des Alten Reiches 1803 und dem Fortleben des Ritters und seiner Welt im historischen Roman und im Film. Das mit Schwarz-weiss-Illustrationen bereicherte Bändchen nimmt ein durch die konzentrierte, stilistisch geschliffene Darstellung der wesentlichen Aspekte des Themas mitsamt den sozialen und geschichtlichen Veränderungen über all die Jahrhunderte in Europa.

Klar auseinandergehalten sind der historisch fassbare Ritterstand und das literarisch-fiktive Rittertum: Auf der einen Seite Kreuzzüge, Schwertleite, Tournier, Wappen, Flaggen, geistliche und weltliche Ritterorden, Formen der Adelsgesellschaften, Entwicklung und Untergang der ständischen Ordnung, Verfall des Rechts, Modelle der Konfliktbewältigung, Ausbildung der Territorialstaaten; andrerseits die höfische Literatur, die Helden- und Kreuzzugsdichtungen, die grossen Epen (Eneasroman, Erec, Roman de Perceval, Rolandslied, Parzival, Tristan, Nibelungenlied, Willehalm). Weil die Fülle der Information nicht durch ein Namen- und Sachregister aufgeschlüsselt ist, gestaltet sich die Suche allerdings zu einem Geduld voraussetzenden Unterfangen.

Ein breites Panorama auf beschränktem Raum: Wer sich über die wichtigsten Elemente unter dem Stichwort Ritter ohne weitschweifige Wege unterhaltsam ins Bild setzen will, findet hier eine prägnante Gesamtdarstellung, die jüngste Erkenntnisse der historischen Forschung einbezieht und in den Literaturangaben auf Standardwerke und vertiefende Publikationen hinweist.

Zitat aus dem Buch:
«Freiheit war es wirklich, was der Ritter verkörperte. […] Kaum jemals in der Geschichte hat die Freiheit sich eine so attraktive Form gegeben. Der Ritter reitet nicht einfach, sondern er reitet, wohin er will. Er fragt nicht, ob er das Schwert gebrauchen darf, sondern gebraucht es. Er achtet nicht auf Gewinn, sondern verschleudert, was er hat bzw. sich zusammenraubt. Die geheimen Sehnsüchte beziehen sich auf eine Figur, die die Zivilisationsgeschichte rückgängig macht, das Unbehagen in der Kultur, das Freud so eindringlich als Unbehagen an den Zwängen mitten in der Fülle des Fortschritts beschrieben hat. Der Ritter ist die archaische Version des modernen Menschen, frei, aber ohne die Kosten der Selbstbestimmung, wenn man diese mit den andern teilen muss. Wer vom Ritter träumt – fassen wir es so zusammen –, träumt von einer Moderne ohne Misere.» (Seite 13)
(ws)

Karl-Heinz Göttert: Die Ritter. Mit 85 Schwarz-weiss-Abbildungen. 300 Seiten. Reclam-Verlag, Stuttgart 2011. € 22,95. Fr. 34.90.

Schreibe einen Kommentar