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Einführung in Bachs Johannespassion

23.03.2011 — Vertraut ist sie uns, Bachs Johannespassion, die erstmals 1724 in Leipzig erklang. Doch verstehen wir sie auch in all ihren musikalischen und theologischen Fundamenten und Zusammenhängen? Ist uns «Spätzeithörern» durch die Distanz von bald drei Jahrhunderten und die Säkularisierung nicht manch Wesentliches zum profunden Verstehen dieser Passionsmusik verloren gegangen? – In welch beträchtlichem Mass dies der Fall ist, erhellt die Lektüre des vorliegenden Bandes.

Meinrad Walter (geb. 1959), der über Bachs geistliche Vokalmusik promovierte, ist Kirchenmusikreferent der Erzdiözese Freiburg und Lehrbeauftragter für Theologie und Liturgik an der Freiburger Musikhochschule. Als Fachmann in der interdisziplinären Diskussion zwischen Musik und Theologie versteht er es, in seiner Einführung eine in beiden Bereichen kompetente, differenzierte Gesamtschau zu vermitteln.

Musikalisch und theologisch Grundlegendes fasst der Autor im Eingangskapitel zusammen: die Geschichte der Passionsmusiken (Passionsoratorium und Oratorische Passion) von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bachs Passionsmusik als Sprachspiel in Wort und Ton (Librettist und Komponist), die komplexe Entstehung und die Formenwelt der Johannespassion (Textdichter und Quellen), die vier Fassungen des Werks (1724, 1725, 1732, 1749) und die unvollendete Partitur von 1739 – Bachs Ausgabe letzter Hand fehlt. Dass Bach die «Werkstatt-Tür» zur Johannespassion nicht endgültig geschlossen habe, eröffne die Möglichkeit, manchen Blick in seine Komponierstube zu erhaschen, hält Walter fest.

Der detaillierten Analyse (formal, textlich, melodisch, harmonisch, rhythmisch) und der umsichtigen Kommentierung der beiden Teile dieser Passionsmusik als eine «Musik von Leid und Leidenschaft» liegt die vierte Fassung zugrunde (ediert von Peter Wollny im Carus-Verlag, Stuttgart 2001). Mit Bedacht und auch schwerer Verständliches klar formulierend, erläutert Meinrad Walter anhand vieler Notenbeispiele Satz um Satz des Werks, dabei das Wort-Ton-Verhältnis, die theologischen Grundlagen, den geistig-geistlichen Gehalt miteinander eng in Beziehung setzend: das Eine im Anderen erhellend. Ein weiteres Moment des Eindringens schaffen die Besprechungen von schwarzweiss bzw. farbig reproduzierten Passions-Bildern und die Zitate von Musikern, Dichtern, Theologen.

Zu dieser vertieften Auseinandersetzung tragen eingeschobene Exkurse bei: das typisch Johanneische, die Karfreitagsliturgie zur Zeit Bachs, Fragen des Antijudaismus und der symmetrischen Gesamtanlage des Werks, Bachs Anleihen bei Brockes Passionsdichtung. «Mitzubedenken sind immer wieder auch die lutherische Passionsfrömmigkeit sowie gattungsgeschichtlich der Typus der Oratorischen Passion als komplexe Klangrede in Wort und Ton, die den beiden Grundrichtungen nach vorn (dramatisches Geschehen damals) und nach innen (Betrachtung hier und heute) verpflichtet ist.» (Seite 14)

Ein eigenes Kapitel ist der hinlänglich vollständigen Fassung II (1725) der Johannespassion gewidmet (Fassung I ist nur mittels Rekonstruktion, Fassung III nicht aufführbar).

Hilfreiche Materialien hat der Autor im Anhang untergebracht: die Chronologie der Johannespassion von 1712 bis 2010, eine Übersicht über Bachs Passionsaufführungen in Leipzig, die Choralstrophen in der Johannespassion, Ausgaben und Literaturhinweise, szenische Interpretationen der Johannespassion (1930–2011), ein Glossar musikwissenschaftlicher und theologischer Begriffe, CD-Tipps und DVDs, Anmerkungen und Personenregister.

Der Zusammenklang von Theologie, Passionslibretto, Bachs Musik und bildender Kunst ermöglicht in Meinrad Walters einlässlicher Untersuchung intellektuelles Eindringen und emotionales Erleben, erweist auch, wie das Ganze und das Einzelne ineinanderwirken, Kosmos und Mikrokosmos zusammenklingen.

Zitat aus dem Buch:
«Alles in allem: Bach hat mit seiner Johannespassion auf der Grundlage eines ‚flexiblen Werkbegriffs‘ mehr experimentiert als mit irgendeinem anderen Werk seiner geistlichen Vokalmusik. Für das heutige Verstehen bietet diese Passionsmusik spannende Anhaltspunkte, weder als Beispiel für ein Opus perfectum (wie die Matthäuspassion) oder gar für ein Opus summum et ultimum (wie die in ihrer Art singuläre Missa h-Moll), sondern als Opus imperfectum sui generis. Weil der Komponist ihr ‚immer nur eine aktuelle und niemals eine endgültige Gestalt‘ verliehen hat, ermöglicht die Johannespassion Studien zu Bachs bearbeitendem und differenzierendem Umgang mit eigenen Stücken, vergleichbar durchaus dem Parodieverfahren. Steht allerdings bei jenem die endgültige Einordnung von Einzelsätzen in neue Werkzusammenhänge im Mittelpunkt, so geht es bei der Johannespassion um die Frage, wie Bach ein Werk vier Mal je verschieden beendet und zur Aufführung bringt, ohne es jemals letztlich zu vollenden.» (Seite 59/60)
(ws)

Meinrad Walter: Johann Sebastian Bach – Johannespassion. Eine musikalisch-theologische Einführung. Mit 16 Farb-, 42 Schwarzweiß-Abbildungen und 63 Notenbeispielen. Carus-Verlag, Stuttgart / Reclam-Verlag, Stuttgart 2011. 280 Seiten. € 29,90. Fr. 43.50.

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