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Gluck. Sein Leben. Seine Musik

18.02.2011 — Christoph Willibald Gluck: Opernreformer, «Orfeo ed Euridice», «Alceste», «Iphigénie en Tauride», «Don Juan»-Ballett, Streit der Gluckisten und Piccinnisten. Gluck, höhere Inspiration erhaltend, auf dem Gemälde von Duplessis. – Was weiter?

Bescheiden sind in der Regel unsere Kenntnisse über Gluck, seinen Lebenslauf, die Orte seines frühen Wirkens, sein Schaffen. Eigentlich bedenklich, vergegenwärtigt man sich das europaweit ausstrahlende Renommee und den herausragenden Rang Glucks in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Ein Schwerpunkt der Forschungstätigkeit des 1927 in Düsseldorf geborenen Musikwissenschaftlers Gerhard Croll, der an der Universität Salzburg wirkte, gilt Gluck. Croll war Editionsleiter der Gluck-Gesamtausgabe, ist Herausgeber der Gluck-Studien und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Neuen Mozart-Ausgabe; 1986 gründete er die Internationale Gluck-Gesellschaft. Gerhard Croll und seiner Frau Renate ist nun eine umfassende Gesamtdarstellung zu verdanken, die den Lebens- und Entwicklungsweg des Europäers Gluck auf der Basis des aktuellen Wissens schildert, auf den Ergebnissen von Crolls fünf Jahrzehnte umfassender Forschungs-, Sammel- und Editionstätigkeit.

Dabei, dies sei vorausgeschickt, hat das Ehepaar Croll kein Buch aus der Hand gegeben, dessen Stil und Analysen sich nur Eingeweihten und Spezialisten erschliessen, im Gegenteil: Der gediegen illustrierte Band spricht auch fachlich weniger gewandte Musikliebhaber an, die von Gluck und seinem Werk, von den politischen und kulturellen Strömungen seines Jahrhunderts einen plastischen Eindruck erhalten.

Die Crolls leisten ein gerüttelt Mass an Aufklärungsarbeit. Sie gehen den Überlieferungen auf den Grund, denn gar manches in Sachen Gluck ist unsicher, vor allem in Kinder- und Jugendjahren. Wann und wo ist Christophorus Willibaldus Gluck zur Welt gekommen? (Am 2. Juli 1714 in Erasbach / Oberpfalz) Wie schrieb er seinen Familiennamen? (Gluck, im Testament Gluk; andere Quellen nennen ihn Glouckh, Clock, Cluck, Kluk, Kluck, Klug) Welcher Nation gehörte er an, welches war seine Muttersprache (Deutsch oder Tschechisch)? Welche frühesten musikalischen Erfahrungen prägten den Heranwachsenden? Und: Von Glucks ersten acht Opern hat sich nur eine einzige vollständig erhalten. Nach Glucks Tod am 15. November 1787 in Wien wurden die meisten seiner Autographe durch einen Brand im Haus seines Erben vernichtet. Generell finden die Lücken in seiner Biografie eine Entsprechung in der hohen Verlustquote seiner Partituren.

Von der «misslichen Quellenlage» liessen sich die Autoren anspornen, nachzuforschen in Kirchenrodeln und Akten, in Briefen und Kommentaren, Tagebüchern, Honorarlisten, Zeitungsmeldungen und Besprechungen, zogen Anekdoten bei und Zeugnisse von Zeitgenossen. Die in Jahrzehnten geäufneten Kenntnisse im Umgang mit dem Komponisten und seiner Zeit befähigen Gerhard und Renate Croll, Dunkles auf einsichtige Art zu erhellen, Ungewisses dem Zweifel nicht zu entziehen, Vermutungen, Annahmen und Deutungen als solche zu bezeichnen und manche tradierte Irrtümer zu berichtigen.

Als «unerträgliche, erzvandalische Musik» bezeichnete Metastasio Glucks Vertonung der «Semiramide». Nicht das einzige negative Urteil, das immerhin einen Hinweis gibt darauf, dass Glucks Tonsprache als neuartig, expressiv und aussergewöhnlich empfunden wurde. Bald galt Gluck als Koryphäe seines Fachs, und die Crolls zeichnen die Stufen zu seinem europaweiten Ruhm aufgrund einer erstaunlich vielseitigen Materialfülle in ruhigem Erzählfluss nach.

Vor dem mit wenigen (für manche wohl zu knappen) Strichen skizzierten Hintergrund des politischen Zustands in Italien, in London, Paris und Wien, des gesellschaftlich-musikalischen und des familiären Umfelds sowie im Geflecht von Potentaten und Mäzenen, Dienstherrschaften und Künstlerkollegen, Sängerinnen, Kastraten, Librettisten, Regisseuren wird Glucks Entwicklung und Arbeitsweise dargestellt anhand seiner Ballette und Opern, deren Handlung zusammengefasst und deren Musik verständlich erläutert sind.

Selbstredend werfen die Autoren besonderes Augenmerk auf die Üppigkeit barocker Operninszenierungen, auf Glucks Weg von der Opera seria zur Opéra comique, über die prägenden Zielsetzungen aller Beteiligten an den Reformen von Ballett («Don Juan», 1761) und Musiktheater (Wiener Reform, «Alceste» von 1767), auf die hitzige Debatte zwischen den Anhängern Glucks und jenen Piccinnis in Paris.

Die Vielfalt der Information in dieser in allen Aspekten anregenden Biografie findet auf dem vorderen Deckel und dem Vorsatzblatt eine Erweiterung durch Karte und Tabelle von Glucks Reisewegen mit den Orten und Daten der Erstaufführungen seiner Opern, dann auch durch Literaturhinweise, eine Übersicht über die Gluck-Gesamtausgabe und Bemerkungen zum Finanzwesen und den gebräuchlichen Währungen in Glucks Zeit. Das detaillierte Inhaltsverzeichnis und das Personen- und Werkregister erschliessen den Band.

Zitat aus dem Buch:
«Einzelne Gluck’sche Melodien aus [der Opéra comique] ‚Le Diable à quatre‘ wurden für längere Zeit in Wien zum absoluten Hit, besonders das sogenannte Tabaklied, gesungen von einer Ehefrau, die den Schnupftabak heimlich besonders genießt, nachdem er ihr vom Ehemann verboten worden war. Es wird berichtet, dass sogar ein dreijähriges Komtesschen das Lied geträllert habe –, so gut hatte Gluck den eingängigen Ton des populären Vaudeville-Vorbildes mit seiner Neuschöpfung getroffen. Zwei Jahre später [1761] bekam er dafür ein Kompliment auf höchster Ebene: Joseph Haydn benutzte das Tabaklied als Thema für den ersten Satz seiner Sinfonie ‚Le Soir‘.» (Seite 88)
(ws)

Gerhard und Renate Croll: Gluck. Sein Leben. Seine Musik. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2010. Mit Schwarzweiss-Abbildungen und 4 Farbtafeln. 288 Seiten. € 36,95. Fr. 66.50.

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