24.08.2011 — Handbuch: eine bequem in der Hand zu haltende Buchgrösse. Jacob und Wilhelm Grimm notierten in ihrem Deutschen Wörterbuch Mitte des 19. Jahrhunderts: «buch von mäszigem umfang, zum leichten gebrauch, entweder um hinein zu schreiben oder darin zu lesen: hantbuoch, manuale, liber qui frequenter manu portatur.» Der Sinn hat sich gewandelt: Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) vermerkt: «Buch, das kurz gefasst den gesamten Stoff eines Wissensgebietes in wissenschaftlicher Form darstellt.»
«Kurz gefasst»? Zwar hat das Handbuch trotz zugelegtem Gewicht sein handgerechtes Format bewahrt, doch wuchs das Wissen auf allen Gebieten nach und nach ins kaum Überblickbare an, damit die Notwendigkeit, es regelmässig kritisch zu sichten und auf den neusten Stand zu bringen. Das einzelne Handbuch vermehrte sich zur enzyklopädischen Reihe: Das Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler zum Beispiel umfasst 22 Bände, das Handbuch der Altertumswissenschaft über 90; einen Spitzenrang belegt das «Gmelin Handbook of Inorganic and Organometallic Chemistry» mit 760 Bänden, zuzüglich des Gesamtregisters von 35 Bänden. Wehe dem Büchergestell! Den Ausweg bot auch hier der Transfer auf eine Internet-Datenbank.
Zurück zum Handbuch. Was ehedem ein eifriger Gelehrter seines Fachs im Alleingang bewältigte, erfordert nun unter den gewandelten Voraussetzungen und Ansprüchen beispielsweise an die Verständlichkeit für eine breite interessierte Leserschaft sowie die Praxisnähe ein Team von Akademikern, die unter der Leitung eines Herausgebers ihr spezialisiertes Wissen einbringen. Das ermöglicht auch einer jüngeren Forschergeneration die Mitarbeit, was sich belebend und fruchtbar auswirkt auf den wissenschaftlichen Diskurs. Dazu gehört, dass Institutionen und Verlage kooperieren, verschiedene, auch internationale Forschungsrichtungen zum Zuge kommen, dass offene Fragen kontrovers dargestellt, Widersprüche in den Folgerungen und Meinungen nicht verschwiegen, strittige Aspekte nicht ausgeblendet sind. In den drei hier vorgestellten Handbüchern wird dies erfahrbar; zu verdanken ist es auch der liberalen Haltung der Herausgeber.
Brahms-Handbuch
Das Werk der Komponisten und dessen Rezeption über die Jahrzehnte bis in die Gegenwart steht in den vorliegenden Bänden der Verlage Metzler und Bärenreiter im Mittelpunkt. Johannes Brahms beizukommen, dem «Meister der Verschleierung und Maskierung» (Herausgeber Wolfgang Sandberger im Vorwort), erweist sich als spannendes, aufschlussreiches Unterfangen, weil die 25 Autorinnen und Autoren (die jüngsten mit Jahrgang 1972) den Verbindungen und Brüchen zwischen dem Leben und dem Schaffen nachgehen, dabei die ästhetischen Voraussetzung des Œuvres erhellend. Das heisst auch, dass nicht einfach gesichertes Wissen aufbereitet, die Tradition fortgeschrieben wird, sondern Ergebnisse der jüngsten Forschung einbezogen, neue Zugänge freigelegt werden.
Den Einstieg bildet die umfangreiche Zeittafel mit Daten zur Biografie, zum Werk und zu kulturhistorischen Ereignissen, gefolgt von einem Essay über Brahms als Figur des kollektiven Gedächtnisses. Ausgeleuchtet wird seine Lebenswelt: Selbstinszenierung, Freunde (insbesondere Schumann), Zeitgenossen, Brahms als Briefeschreiber, Komponist, Herausgeber, Bearbeiter, Lehrer, Gutachter, als Interpret des eigenen Werks.
Vier Beiträge sind unter dem Titel «Ästhetische Positionen» zusammengefasst: Brahms-Kritik im 19. Jahrhundert, Brahms’ Verhältnis zu Religion, Kunst und Musikwissenschaft, seine Beziehungen zu Literaten und bildenden Künstlern. Der Teil mit Ausführungen zur kompositorischen Arbeit (Schaffensprozess, Verhältnis zur musikalische Tradition und zum Volkslied) leitet über in die einlässliche Besprechung des Œuvres: Vokalmusik (Lieder, Gesänge, Ein deutsches Requiem, sinfonische Chorwerke, geistliche und weltliche Chorwerke a cappella), Klaviermusik (inkl. Orgelwerke), Kammermusik (für Streicher, mit Bläsern, mit Klavier) und Orchestermusik.
Der abschliessende Teil «Interpretation und Rezeption» behandelt die musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Brahms, aufführungs- und interpretationsgeschichtliche Aspekte, Brahms-Edition gestern und heute, Brahms im Film mit einer chronologischen Tabelle von 1911 bis 2009. – Jeweils am Ende der einzelnen Beiträge finden sich Listen mit den entsprechenden Literaturangaben.
Der Anhang enthält das Verzeichnis der Werke nach Gattungen (mit Angaben zu Uraufführung, Publikationsjahr, Verlag, eigenhändige Bearbeitung), das Werkverzeichnis nach Opuszahlen, das Verzeichnis der 55 Abbildungen (die meisten stammen aus der Sammlung des Brahms-Instituts Lübeck), die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren, das Namenregister und das Werkregister.
Dank den Annäherungen unter wesentlichen Aspekten auf direkten und indirekten Wegen an Persönlichkeit und Schaffen Brahms’, an seine Mitwelt und den kulturellen und historischen Hintergrund, dank den gründlichen Analysen des Œuvres (etwa Formkonzept, Aufbau mit Taktangaben, gattungsspezifische Aufgabenstellung, Instrumentierung, tonale Details, klangliche Disposition) ist den Autoren des Brahms-Handbuchs ein Kompendium zu verdanken, das umfassend und auf aktuellstem Forschungsstand kritisch prüfend, in Breite und Tiefe vernetzend neue Zugänge freilegt und von Vorurteilen entschlackte Einsichten ermöglicht.
Bruckner-Handbuch
Dass es Musikwissenschaft und -biografik im 19. Jahrhunderts in der Regel ein Anliegen war, Widersprüche im Leben und im Schaffen eines Komponisten auszublenden, im besten Fall auszugleichen, Harmonie herzustellen zwischen Person und Werk, prägt auch das Bruckner-Bild.
«An einer neuen Sicht auf Bruckner wird seit längerem durchaus gearbeitet, ohne dass man freilich das Gefühl einer nachhaltigen Wirkung auf das Bruckner-Bild in der breiten Öffentlichkeit hätte», schreibt Herausgeber Hans-Joachim Hinrichsen im Vorwort. Im Handbuch werde der Versuch unternommen, «einerseits aus dem heute erreichten Stand der Bruckner-Forschung die Konsequenzen zu ziehen und einen sinnvollen Weg zur Beschäftigung mit dem eigentümlichen Œuvre des nach wie vor rätselhaften Komponisten zu bahnen, andererseits aber auch neue Fragen zu stellen und offene Probleme mit Nachdruck als solche zu markieren, um der Denkfalle täuschender Geschlossenheit vorzubeugen.»
14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nähern sich in ihren Beiträgen dem «grossen Unbekannten», mit Offenheit differenzierend, traditionell Überkommenes kritisch abwägend, neue philologische und ästhetische Erkenntnisse darlegend. Dass im Einzelnen von verschiedenen Autoren in ein und derselben Sache andere Schlüsse gezogen, kontroverse Urteile gefällt werden, zeugt von stimulierender Auseinandersetzung innerhalb einer inspirierenden Gesamtdarstellung.
Erste Orientierung vermittelt die Zeittafel mit Daten zur Biografie und zum Werk Anton Bruckners. Gedanken zur Konzeption des Handbuchs und zu Emil Orliks 1920 entstandenem Bruckner-Porträt (Umschlag) leiten über zum Teil «Der Komponist und seine Musik», in dem eingegangen wird auf Persönlichkeit, Lebensweg, Arbeitsweise und Schaffen.
Rund 250 Seiten umfassen die von Notenbeispielen begleiteten Werkbesprechungen, wobei der Hauptakzent verständlicherweise auf der Sinfonik und der grossbesetzten Kirchenmusik liegt; gewürdigt werden aber auch die weltliche Vokalmusik, die Kammermusik, die Klavier- und Orgelwerke und die Musik für Bläser. Im letzten Teil werden die Etappen der Bruckner-Rezeption behandelt.
Literaturhinweise (teils auch Werkausgaben) finden sich am Schluss der Beiträge. Im Anhang vereint sind Werkverzeichnisse nach Gattungen und nach WAB-Nummern, Biografien der Autorinnen und Autoren, das Namen- und das Werkregister.
Bruckners Weg zu einem eigenen Stil widmen sich die Mitarbeitenden, nachdrücklich insbesondere einem vertrackten Problem: Sie bringen Licht in die Entstehungsgeschichte der Sinfonien samt deren Fassungen, Bearbeitungen, Umformungen, Kürzungen, Revisionen sowie Eingriffen und Ergänzungen fremder Hand.
Diesem Band soll übrigens das von der Arbeitsstelle Anton Bruckner der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an die Hand genommene Bruckner-Lexikon zur Seite gestellt werden. Es basiert auf dem längst vergriffenen Bruckner-Handbuch von 1996 (Hrsg. Uwe Harten) und wird in Abstimmung mit dem vorliegenden Handbuch erarbeitet.
Mahler-Handbuch
Bei keinem anderen Komponisten seines Rangs und seiner Wirkung ist der Erklärungsbedarf in Bezug auf die Rezeption seines Werks grösser. Erst seit 1960, einem halben Jahrhundert nach Gustav Mahlers Tod, und ganz wesentlich mittels Verbreitung durch die Schallplatte hat sich sein Schaffen im Konzertleben weltweit einen festen Platz gesichert.
Im Teil «Interpretation und Rezeption» des Mahler-Handbuchs werden diese Gesichtspunkte in den Fokus genommen: Mahler und die zeitgenössische Kritik, Grundzüge der Mahler-Rezeption seit den 1920er Jahren, die kompositorische Mahler-Rezeption, Mahler-Interpretation(en), Mahler im Film.
Die Hindernisse und die Voraussetzungen zu Mahlers spät einsetzendem Erfolg durchziehen das Handbuch, werden aus diversen Blickwinkeln und kontrovers analysiert. Die 22 Autorinnen und Autoren gehen ihnen nach, interpretieren sie, ordnen die Widersprüchlichkeiten ein, innovativ im Einzelnen, im Grossen die in den vergangenen Jahrzehnten erarbeiteten Forschungsergebnisse einbeziehend. Nach und nach formt sich ein plastisches kontrastreiches Bild des Komponisten, Dirigenten, Operndirektors, seiner Mitwelt, seiner Wirkung und Nachwirkung.
Das Zentrum des Bandes nimmt die ausführliche Würdigung aller (vollendeten) Werke ein, von den ersten Kompositionen (Klavierquartett, Das klagende Lied, frühe Lieder) über die Orchesterlieder zu den zehn Sinfonien; den Abschluss bildet das Kapitel Mahler als Bearbeiter. Begleitet sind die detaillierten Analysen von Notenbeispielen und zwei tabellarischen Satzübersichten in der Besprechung der Sechsten.
Einblicke in Mahlers Leben und Welt bieten die Zeittafel, die auch Mahlers Dirigate auflistet, und eine geraffte Biografie, gefolgt von einem Teil mit übergreifenden Themen: Mahlers geistige Welt, seine kompositorische Herkunft, die Musik der Wiener Moderne, Mahlers Orchesterklang, sein Schaffensprozess, Charakter und «Ton» bei Mahler, das Opernhafte seiner Musik.
Den einzelnen Beiträgen angefügt sind Literaturhinweise; der Anhang enthält das Werkverzeichnis, das Verzeichnis der Mitarbeitenden, das Namen- und das Werkregister.
Dieses erste deutschsprachige Werk seiner Art zu Mahlers Persönlichkeit und Schaffen resümiert in vielen Perspektiven auf gut lesbare Art den Stand der Forschung, weitet und vertieft den Blick auf ein für manche nicht leicht zugängliches Œuvre. (ws)
Brahms-Handbuch. Hrsg. Wolfgang Sandberger. Gemeinschaftsausgabe der Verlage J. B. Metzler, Stuttgart, und Bärenreiter, Kassel 2009. 632 Seiten mit s/w-Abbildungen und Notenbeispielen. € 64,95. Fr. 89.–.
Bruckner-Handbuch. Hrsg. Hans-Joachim Hinrichsen. Gemeinschaftsausgabe der Verlage J. B. Metzler, Stuttgart, und Bärenreiter, Kassel 2010. 399 Seiten mit s/w-Abbildungen und Notenbeispielen. € 64,95. Fr. 88.–.
Mahler-Handbuch. Hrsg. Bernd Sponheuer und Wolfram Steinbeck. Gemeinschaftsausgabe der Verlage J. B. Metzler, Stuttgart, und Bärenreiter, Kassel 2010. 504 Seiten mit s/w-Abbildungen und Notenbeispielen. € 64,95. Fr. 88.–.