09.04.2010 — Ausgangspunkt dieser Publikation war das Symposium «Wege zum ,Simplicissimus’», das 2008 anlässlich der Neuinszenierung von Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper in Hannover an der dortigen Hochschule für Kunst und Theater durchgeführt wurde.
Der Musik-Konzepte-Band 147 behandelt die essentiellen Aspekte des 1934/35 entstandenen, Elemente von Oper, Oratorium und Requiem zusammenführenden «Simplicius Simplicissimus», weitet den Blick auch auf die geschichtlichen Hintergründe und persönlichen Voraussetzungen, die Hartmann – er lebte von 1905 bis 1963 – engagiert Partei ergreifen liessen gegen Unterdrückung und Terror. Deutlich wird, wie viele Fragen in Sachen Hartmann offen sind, wie vieles noch der Sichtung, Aufarbeitung, Klärung und Neuinterpretation bedarf.
Der verheerende Krieg von 1618 bis 1648 und die (Barock-)Welt als Theater, Grimmelshausens «Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch» (1669) und Hartmanns Kantate «Friede Anno 48» von 1936 fügt Peter Becker nebst weiteren Materialien zu einem aussagekräftigen Mosaik unter dem Titel «Äußere und innere Landschaft im Dreißigjährigen Krieg».
Die historische und ästhetische Bedeutung, die Musiksprache, die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte Hartmanns bilden den Kern von Hanns-Werner Heisters Beitrag «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zur Bedeutung Karl Amadeus Hartmanns». Den Stand der Bewertungen und Einschätzungen, Urteile, Um- und Missdeutungen zeigt Heister anhand von Zitaten aus Wikipedia-Artikeln. Nebst anderen Kompositionen Hartmanns analysiert er den Satz «Ghetto» aus der Kollektivkomposition «Jüdische Chronik» (1959/61); charakteristische Einblicke gewähren auch Hartmanns Briefe an den linken Schweizer Nationalrat Valentin Gitermann.
Ob und inwiefern Hartmanns Musik ethischen Wert beanspruchen kann, untersucht Nina Noeske. Im Beitrag «Schön, wahr(haftig) – und gut» zieht sie diverse Kompositionen bei, analysiert die moralischen Qualitäten und geht in verschiedenen Beispielen der Hartmann-Rezeption nach.
Letzterer Aspekt steht auch im Mittelpunkt des «Plädoyers für eine Geschichte der Hartmann-Rezeption» (Untertitel) von Stefan Weiss. Er beklagt, dass «der Hartmann-Diskurs in starren, ja eingefrorenen Kategorien befangen ist». Hartmann sei musikhistoriografisch festgelegt «auf eine einzige Mission, nämlich ,Bekenntnis’ und ,Gegenaktion’ gegen den Faschismus». Unter der Überschrift «,Simplicius Simplicissimus’ in der Nachkriegszeit» verhandelt Weiss erfrischend kritisch Kategorien der Rezeptionsgeschichte, die Wechsel und Facetten des Hartmann-Bildes ab 1945, wobei er schwergewichtig Rezensionen der Opern-Inszenierungen von Köln (1949) und Dresden (1950) beizieht.
Eingetaucht in die Hartmann-Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek München ist Ulrike Böhmer. Über ihre Funde bei dieser aufwendigen systematischen Durchsicht der Quellen und die sich daraus ergebenden Folgen berichtet sie unter dem Titel «,Simplicius’ als work in progress. Fragen an die Dokumente seiner Entstehungsgeschichte».
«Vieles in Hartmanns Leben und Werk verlangt nach Erläuterung und Erklärung, weil es sich nicht von selbst versteht», hält Egon Voss in seinem «Sozialismus und ,freie Entwicklung der Kunst’» betitelten Essay fest. Er geht darin Hartmanns Sympathie für den Sozialismus nach anhand charakteristischer Werke, darunter der Kantate für Männerchor a cappella (ca. 1930), und widmet sich unter gleichem Blickwinkel eingehend dem «Simplicius Simplicissimus».
Der Band, der auch einen Nachruf Dieter Schnebels auf Heinz-Klaus Metzger, Mitbegründer der «Musik-Konzepte», enthält, schliesst mit den Abstracts, bibliografischen Hinweisen, einer Zeittafel zu Hartmann und den Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren.
Zitat aus dem Buch:
«Weil Hartmann darauf bestand, dass Musik etwas bedeuten müsse, dass er mit Musik etwas speziell mit ihr Aussprechbares zu sagen habe, hat musikalische Bedeutung bei ihm einen hohen Stellenwert. Das unterscheidet ihn von Komponierenden, die vorrangig auf Struktur, Form, Klang setzen. – Des Weiteren unterscheidet ihn die speziell politische Bedeutungssetzung von vielen anderen Komponierenden. Diese reden lieber von sich als von sozialen Fragen, lieber über Gott als über die Welt. Und wenn schon, sprechen sie lieber von Tod oder Liebe im Großen und Ganzen und Abstrakten als vom Kampf gegen den Tod durch Krieg und Faschismus und von der Liebe zum Leben in sozialer Freundlichkeit und Gleichheit. Davon handelt Hartmanns Musik, und sie zeigt uns Herrschaft und Gewalt, Gegenwehr und Befreiung.» (Hanns-Werner Heister, Seite 28)
(ws)
Karl Amadeus Hartmann: «Simplicius Simplicissimus». Reihe Musik-Konzepte. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. II/2010, Band 147. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 138 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 20,–. Fr. 34.50.
siehe auch: Karl Amadeus Hartmann (1905–1963)