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Johann Michael Haydn: Leben, Werk, Zeit

08.12.2012 — Während sein Bruder Joseph fast drei Jahrzehnte lang am Hof von Esterházy wirkte, war Salzburg der Lebensmittelpunkt des um fünf Jahre jüngeren Johann Michael Haydn (1737–1806). Nach Stationen in Grosswardein, Pressburg und Wien trat der 26-jährige Michael als Hofmusicus und Concertmeister in den Dienst des Fürsterzbischofs Sigismund Graf Schrattenbach.

Während Joseph Haydn seine Kompositionen in Druck geben und so seine Bekanntheit zielbewusst fördern konnte, zirkulierten Michaels Werke fast ausschliesslich in Abschriften unter Klöstern, blieben dergestalt einem beschränkten Kennerkreis vorbehalten.

Daraus zu schliessen, dass der jüngere Haydn seinerzeit in Josephs Schatten stand, ist falsch. Denn die Kompositionen des als Virtuose auf der Violine und der Orgel renommierten Michael – Sinfonien, Serenaden, Konzerte, Kammermusik, vor allem aber liturgische Werke und Sätze für Männerchor – fanden weit über seine Heimat hinaus Anerkennung und Wertschätzung. Respektvoll sprach Mozart von Michaels Leistungen; mit Vater und Sohn Mozart wirkte Michael in der Hofmusikkapelle, die bis zu neunzig angestellte Musiker umfasste. Einige Kompositionen Michael Haydns wurden früher Wolfgang Amadé Mozart zugeschrieben – und umgekehrt; zwischen dem Stil Haydns und seinem jungen Freund Mozart gibt es manche Parallelen.

Zum 275. Geburtstag Johann Michael Haydns legen Sabine Krohn und Gerhard Walterskirchen eine konzentriert gefasste Monografie vor, ein reich und farbig illustriertes Bändchen, das den aktuellen Wissensstand über Leben, Werk und Umwelt des Salzburger Haydns zusammenfasst.

Den Leifaden bildet die unspektakuläre Lebenslinie des dem Reisen abholden Haydn; weit ergiebiger ist das Wirken dieses Musikers in der Spätaufklärung, wie er reagierte auf den Zeitgeist, auf die neuen Anforderungen in der Ära des Fürsterzbischofs Hieronymus von Colloredo, einem weltmännischen Reformer im Sinn des Josephinismus. Colloredos Anordnungen zur musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes führten zur Missa brevis (und zu Auswirkungen auf den Kompositionsstil Michael Haydns und Mozarts) und zur Einführung des deutschsprachigen Kirchengesangs.

Sakrale Kompositionen standen nun im Vordergrund. Haydn schrieb Messevertonungen, Oratorien, Kantaten, Gradualien, Motetten, Litaneien, Vespern, unterrichtete die Kapellknaben und erteilte Privatunterricht (zu seinen Schülern gehören der elfjährige Carl Maria von Weber, Anton Diabelli und Sigismund von Neukomm).

Von grosser Auswirkung waren Michael Haydns Pionierleistungen auf dem Gebiet des geselligen Liedes in Form des Männerquartetts (je zwei Tenöre und Bässe) und des Männerchors, wichtige frühe Beiträge zur bürgerlichen Gesangskultur, die Schubert, der den Salzburger Haydn verehrte, inspirierten.

Eingebettet ist die Vita in die Schilderung der äusseren Umstände, in das Musik- und Kulturleben in Salzburg, in die durch die Aufklärung bewirkte geistige Öffnung und Liberalisierung. – Alles in allem eine facettenreihe Hommage an einen der Grossen jener Epoche, der in seiner Zeit und weit über sie hinaus anregend gewirkt hat.

Zitat aus dem Buch:
«In meinem Leben bin ich nicht so zerstreut nach Hause gereist als diesmal; nur ein paar Proben davon: in Schwanenstadt habe ich die Schachtel mit meinen Peruquen vergessen; in Vöklbruck hab ich mein Parapluie und Stock zurückgelassen; und wär ich nicht in meinen Mantel eingewickelt gewesen, so weiß der Himmel, wo ich ihn hätte suchen müssen.» (Seite 30. Aus einem Brief Michael Haydns an den Wiener Hofkapellmeister Joseph Eybler über die Wien-Reise 1798)
(ws)

Außerordentlich beliebt und bekannt… Johann Michael Haydn (1737–1806). Leben. Werk. Zeit. Vorgelegt von Sabine Krohn und Gerhard Walterskirchen. Carus-Verlag, Stuttgart 2012. 64 Seiten. € 12,90. Fr. 17.40.

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