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Leopold-Mozart-Werkverzeichnis (LMV)

20.07.2010 — Was fällt einem zu Leopold Mozart ein? – Vater von Wolfgang Amadé und Nannerl. Violinist. Verfasser eines Konvoluts von Briefen. Autor des Lehrwerks «Versuch einer gründlichen Violinschule». Und natürlich: «Kindersinfonie» und «Musikalische Schlittenfahrt».

Wer denkt, Vater Mozart sei nur ein Gelegenheitskomponist von Nettigkeiten gewesen, irrt. Das von Cliff Eisen, dem englischen Leopold-Mozart-Experten, vorgelegte Werkverzeichnis weist nach, dass Vater Mozart als ebenso emsiger wie vielseitiger Komponist ein reiches Œuvre geschaffen hat: Messen, Litaneien, Offertorien, Lieder, Musik für Tasteninstrumente, Sinfonien, Divertimenti, Serenaden, Solokonzerte, Kammermusik. – Leider nur: Der grösste Teil davon hat sich nicht erhalten. So existiert beispielsweise von den dreissig nachgewiesenen grossen Serenaden nur noch eine einzige.

Der 1719 in Augsburg geborene Buchbinderssohn Leopold Mozart war früh anerkannt als Schauspieler, Sänger, Organist, Cembalist und Geiger. Mit 18 begann er in Salzburg, das sein Lebensmittelpunkt werden sollte, mit Universitätsstudien, wurde wegen Gleichgültigkeit gegenüber den Lehrveranstaltungen relegiert. Als Kammerdiener und Musiker fand er eine Anstellung bei einem Domherrn, dem er sein Opus 1 (sechs Sonaten) widmete, die er eigenhändig in Kupfer gestochen hatte. Leopold Mozart – er heiratete 1747 – machte Karriere als Geiger, Musiklehrer und Kapellmeister in Hoforchestern. Seine Kompositionen und seine Violinschule machten ihn europaweit zu einer respektierten Grösse. In den Siebzigerjahren überschatteten berufliche Rückschläge und persönliches Leid sein Leben. Er starb 68-jährig, 1787.

Was von Leopold Mozart, dem Komponisten, sich erhalten hat, sind wenige vollständige Autographen, zudem Einzelstimmen und Korrekturen, dazu Katalogeinträge und zahlreiche Briefstellen, die auf später dann verloren gegangene Kompositionen Bezug nehmen. Vieles ist überliefert in Abschriften der dem Salzburger Hof verbundenen Kopisten, die nachweislich für Mozart gearbeitet haben. Manches aber lässt sich nicht mit Sicherheit Leopold Mozart zuordnen. Für die Qualität einer ganzen Anzahl seiner Werke spricht, dass dessen Sohn als ihr Autor galt.

Der immense Aufwand und die detektivische Kleinarbeit des Nachforschens, Vergleichens, Abwägens der Authentizität, Herstellen der Chronologie, die Cliff Eisen für das vorliegende Werkverzeichnis leisten musste, fordert hohen Respekt. Nach den lückenhaften Verzeichnissen von Max Seiffert (1908), Ernst Ludwig Theiß (1942, unpubliziert) und David Morris Carlson (1976) hat Eisen erstmals die aktuellen Ergebnisse der Leopold-Mozart-Forschung zum grundlegenden, zum massgebenden Gesamtüberblick gefügt.

Eisen gliedert den Werkkorpus in 17 Abteilungen (I–XVII); die letzte umfasst das Lehrwerk «Versuch einer gründlichen Violinschule», das in vier autorisierten Auflagen (zwischen 1756 und 1800) und in Übersetzungen (niederländisch, französisch, russisch) herauskam. Beigefügt sind die bekannten fünf Besprechungen, entnommen Publikationen aus Berlin, Amsterdam und Paris.

Grosszügiges Layout und gut lesbare Gestaltung der neu und in den heute üblichen Schlüsseln gesetzten Incipits (auf die Wiedergabe der wenig aussagekräftigen Bassstimme wurde in der Regel verzichtet) fallen ins Auge. Die Nummerierung, vergleichbar etwa jener des Hoboken-Verzeichnisses (Haydn), ist gebildet aus der römischen Ziffer für die entsprechende Gattung, gefolgt von der arabischen Werkzahl, so beispielsweise XII:7 Parthia in C-Dur (genannt «Parthia di Rane» bzw. «Frosch Parthia») der Gattung Kammermusik für Streicher oder Streicher und Bläser. Eine Differenzierung erfolgte bei den Sinfonien – VII:D13 bezeichnet die 13. Sinfonie in D-Dur (mit dem Motto «Non è bello quello che è bello mà quello che piace»).

Die technischen Angaben enthalten Datierung und Besetzung, nach den Incipits folgen Quellen, moderne Editionen, Anmerkungen und Literaturhinweise. Gegebenenfalls sind dem Werktitel die entsprechende Nummerierung der älteren Verzeichnisse beigefügt. Im Anhang findet sich eine Konkordanzen-Tabelle, die auch die KV-Nummern der ehemals Wolfgang Amadé zugeschriebenen Werke aufführt.

Ebenfalls im Anhang des Leopold-Mozart-Werkverzeichnisses finden sich die detaillierte Übersicht über die handschriftlichen Quellen der Vokal- und Instrumentalmusik, die Zusammenstellung der namentlich bekannten und der anonymen Schreiber (Kopisten) mit Proben ihrer (Noten-)Handschrift, die Wasserzeichen samt deren Faksimiles, das Literatur- und das Abbildungsverzeichnis sowie das Register (Personen, Bibliotheken, Archive). (ws)

Cliff Eisen: Leopold-Mozart-Werkverzeichnis (LMV). Unter Mitarbeit von Christian Broy. Beiträge zur Leopold-Mozart-Forschung, Band 4. Herausgegeben von der Internationalen Leopold Mozart Gesellschaft. Wißner-Verlag, Augsburg 2010. 271 Seiten. € 49,80. Fr. 65.60.

siehe auch:
Mozart: Briefe und Aufzeichnungen

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