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Lexikon der musikalischen Form

23.01.2012 — Formung und Form in der Musik – eine akademisch theorielastige Angelegenheit? Weit gefehlt, denn Reinhard Amon hat das Feld in seiner ganzen Breite so klar ausgeleuchtet, die Fülle des Stoffes so anschaulich aufbereitet, dass das einlässliche Studium wie auch das Nachschlagen zum Gewinn und dank schlüssiger Umsetzung der detailreichen Materie zum optischen Genuss wird.

Reinhard Amon (Jg. 1960; sein ebenfalls bei Doblinger erschienenes Lexikon der Harmonielehre wurde 2006 mit dem Deutschen Musikeditionspreis ausgezeichnet) bringt in den vorliegenden Band seine Erfahrung auf verschiedenen Stufen und Bereichen ein: als Musiklehrer am Gymnasium, als Dozent und seit 2009 als Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, zudem durch seine pianistische Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker. Theorie und Praxis durchdringen sich; Aufbau, Gliederung und Systematik erleichtern das Verstehen der Zusammenhänge.

Dem Autor und seinem Mitarbeiter Gerold Gruber geht es darum, einerseits das bereits fertig geformte Werk und im Speziellen die der Formung eines Werks zugrunde liegenden Möglichkeiten des musikalischen Materials zu untersuchen und zu verstehen. «Der Leser soll aufgefordert und befähigt werden, den innovativen Lösungen des einzelnen Kunstwerks zu folgen sowie das Individuelle und die Vielfalt der Erscheinungsformen über das Allgemeine hinweg zu erfassen.» (Vorwort)

Wer im Lexikon blättert, wird angezogen von den vielen Notenbeispielen, den tabellarischen Detail- und Gesamtanalysen einzelner Kompositionen, den Porträts und Abbildungen in der Marginalienspalte (dort finden sich auch Zitate, Querverweise, Anmerkungen, Literaturhinweise), stösst hier und dort auf das Signet, das praktische Erläuterungen für ausübende Musiker kennzeichnet.

Die rund 600 Musikbeispiele wurden vorab nach ihrer Eignung für den beschriebenen Sachverhalt ausgewählt, in zweiter Linie mit Blick auf Notentexte, die für den Leser leicht verfügbar sind (Tasteninstrumente): Spitzenreiter sind Bach (40 Beispiele), Mozart (35) und Beethoven (32). Die ältesten Noten stammen von Perotinus (12. Jh.), B. de Ventadorn und Machaut, die jüngsten von Penderecki und Boulez. An die 80 sind abstrakte Muster, Volks- und Kinderlieder, Spirituals; 10 stammen aus Pop und Jazz.

Der Band ist durchgehend mehrfarbig gestaltet, wobei für verschiedene Aspekte unterschiedliche Farben eingesetzt sind. Wie exzellent Layout, Passgenauigkeit und Druckqualität sind, beweisen die tabellarischen Analysen mit den Taktkästchen und dem umfangreichen Zeichensatz. (Die Informationsdichte in den komplexeren dieser Darstellungen fordert vom Leser einige Einarbeitungszeit.)

In drei Teile gliedert sich der Inhalt: a) das über 1000 Lemmata umfassende Lexikon; b) 20 allgemeine grössere Kapitel mit wichtigen Aspekten zur musikalischen Form; c) den Anhang mit zwei Tabellen (standardisierte Formmuster, Formaspekte im historischen Kontext) und einer praxisorientierten Anleitung zur Formanalyse, im weiteren Verzeichnisse (Notenbeispiele, Literatur) sowie Personen- und Sachregister.

Gut 400 Seiten stark ist der Lexikonteil, in dem in alphabetischer Folge alle musikalischen Formen und Formtypen, Gattungen, Prinzipien sowie sämtliche formrelevanten Sachverhalte behandelt sind. Der Rahmen ist weit gehalten; neben zentralen materialbezogenen Begriffen wie Ableitung, Entwickelnde Variation, Kontrapunkt, Motiv, Motivisch-thematische Arbeit, Ostinato, Symmetrie, Topos, Textur, Zwölftontechnik und Artikeln zur Form (ABA, Blues, Dualform, Etüde, Fuge, Kontertanz, Lai, Ländler, Merengue, Passacaglia, Schlager etc.) finden sich beispielsweise Beiträge zu Themen wie Absolute Musik, Affektenlehre, Echo, Exotismus, Graphische Notation, Klangrede, Minimal Music, Raummusik, Stille, Tonmalerei, Virtuosität.

Musikalische Form erkenne, beschreibe und erkläre etwas Lebendiges – die klingende Musik selbst, hält Reinhard Amon im Vorwort fest. Deshalb bilde «die Zusammenschau der Möglichkeiten aus der Summe innerer Formungskräfte den zentralen Inhalt der vorliegenden Darstellungen». Anschaulich wird dies auch in den umfangreichen Kapiteln im zweiten Teil. Hier stellt der Autor Grundsätzliches in grösseren Zusammenhängen dar: z.B. Bauprinzipien der musikalischen Form, Definitionsansätze, Formbestimmende Harmonik, Melodik und Rhythmik, Grundprinzipien formaler Gliederung, Proportion und Form, Symmetrie als Formungsprinzip, Formstrukturen in Popularmusik und Jazz, greift aber auch weiter aus in Gebiete wie Gestaltpsychologie, Architektur, Goldener Schnitt und Fibonacci-Reihe, Zahlensymbolik, Nanobereich (Atome und Moleküle), Wahrnehmungsvorgang, Symbolik in der Form, Zeitphänomen und musikalisches Formen. Alles reich illustriert und mit Querverweisen durchsetzt auch hier, anregend und erhellend durch die Ausweitung in interdisziplinäre, nicht musikspezifische Domänen.

Als ergiebige Fundgrube erweist sich die Aspekten der Form im historischen Kontext gewidmete Tabelle im Anhang. Zusammengestellt und kommentiert hat Amon auf einem Dutzend Druckseiten Werke und Aussagen von über 160 Theoretikern und Komponisten von der Antike (Vorsokratiker) bis ins Jahr 2001.

Mit dem Lexikon der musikalischen Form ist Reinhard Amon ein didaktisches Meisterwerk gelungen, bestechend in Aufbau, Stil, Klarheit und intellektueller Durchdringung des umfangreichen Stoffes, der aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, in unterschiedlichen Ansätzen erläutert und in Grafiken, Tabellen und Illustrationen schlüssig vor Augen geführt wird: ein Standardwerk für Unterricht und Studium, Wissenschaft und Praxis.

Zitat aus dem Buch:
«Entwicklung bedeutet ein hohes Maß an Komplexität, Spannung und Zielgerichtetheit. Die Bandbreite ihrer Gestaltungsmöglichkeiten reicht dabei vom kleinsten Übergang über eine eigenständige Überleitung bis zu einem ganzen Werk. Ziel ist ein hohes Maß an Zusammenhang im Werk, ein qualitativer Anspruch, den Komponisten zu verwirklichen suchten und der auch von der Musikästhetik zum Postulat für ‚wahre‘ (d.h. in sich stimmige) Kunst erklärt wurde. Ausgangspunkt dieses Denkens, das gegen Ende des 18. und dann v.a. im 19. und 20. Jhdt. praktiziert wurde, waren konstruktiv-musikalische Techniken wie das wiederentdeckte kontrapunktische Arbeiten, aber auch kulturelle Entwicklungen wie v.a. das Aufblühen der Naturwissenschaften (speziell Biologie, Botanik und Genetik) und ein neues Verhältnis zur Natur. In Folge kam es zur Ablösung der Rhetorik als Modellbezug musikalischer Formung im 18. Jhdt. durch das Prinzip organischen Wachstums im 19. Jhdt.» (aus dem Kapitel Grundprinzipien formaler Gliederung, S. 499)
(ws)

Reinhard Amon: Lexikon der musikalischen Form. Nachschlagewerk und Fachbuch zur musikalischen Form und Formung vom Mittelalter bis zur Gegenwart. In Zusammenarbeit mit Gerold Gruber. Musikverlag Doblinger, Wien, und Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2011. 640 Seiten mit 191 s/w Abb., 695 farb. Abb., 591 Notenbeispielen. € 49,95. Fr. 66.90.

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