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Minnesang

09.12.2010 — Ferne Vergangenheit ist das Mittelalter, der verständnisleichte Zugang zu ihm mit mannigfachen Hindernissen verstellt. Gleiches gilt für eine der markanten poetischen Leistungen jener Epoche zwischen der Mitte des 12. und dem Beginn des 14. Jahrhunderts: dem Minnesang. Reich sind die Aufzeichnungen, Handschriften und Sammlungen mit mittelhochdeutscher Liebeslyrik; erinnert sei nur an die Heidelberger Liederhandschrift, den mit ganzseitigen Miniaturen illustrierten Codex Manesse aus dem 14. Jahrhundert.

Doch die für höfisch-ritterliche Menschen gedichteten und in auserwähltem Kreis meist einstimmig gesungenen Lieder trotzen heute dem unmittelbaren Verständnis. Dies einerseits wegen der Sprache, dem Mittelhochdeutschen, andrerseits weil sich die Befindlichkeit der Dichter, die gesellschaftlichen Strukturen und die thematischen und motivischen Voraussetzungen dem Laien nicht ohne weiteres erschliessen.

Umfassende, wissenschaftlich fundierte Hilfe bietet der neue Reclam-Band «Minnesang» von Dorothea Klein, Professorin für Ältere deutsche Literatur an der Universität Würzburg.

Aufbau und Gliederung der Anthologie erleichtern den Einstieg: «… wie einen Gang durch eine Ausstellung (oder ein Museum) mit thematisch geordneten Räumen, Themen, die in der Diskussion der letzten beiden Jahrzehnte eine prominente Rolle gespielt haben und immer noch spielen» (Seite 319) hat Dorothea Klein die umfangreiche Lyrik-Sammlung gestaltet.

Die sieben – in sich chronologisch geordneten – Sektionen sind nach thematisch-inhaltlichen Kriterien angelegt und berücksichtigen in repräsentativer Auswahl neben den Grossen ihrer Zunft auch weniger bekannte, aber nicht minder aufschlussreiche Autoren. «Alle Lieder sind so ausgewählt, dass sie möglichst auch einen Eindruck von der Vielfalt des Sprechens über die Minne und den Minnesang vermitteln.» (Seite 320)

Die einzelnen Sektionen, welche die Herausgeberin jeweils mit Erläuterungen und Hinweisen einleitet, thematisieren: (1) die rhetorische Kunst der Minnesänger; (2) ihre formale Variationskunst und Experimentierfreude; (3) die Rollen und Rollenprofile der frühhöfischen Lyrik; (4) die Phänomene der Selbstreferenz; (5+6) die Formen der literarischen Kommunikation über Minne und Minnesang, Kontrafaktur, Parodie, Polemik; Spiel mit Formen und Inhalten um 1200; (7) epische Elemente, narrativ angelegte Liedtypen wie Tagelied, Pastourelle, Erzähllied.

Die Editionsgrundsätze bzw. deren wissenschaftliche Massstäbe widerspiegelt auch der konsequent überlieferungsnahe, an einer Leithandschrift orientierte Text der Lieder; Parallelfassungen sind berücksichtigt, die Quellen, Abweichungen und Lesarten der übrigen Handschriften nachgewiesen. «Überlieferungsnah edieren heißt in diesem Fall, die Überlieferungsbefunde transparent zu machen, genauer: die verschiedenen Liedfassungen editorisch darzustellen. Damit ist der Anspruch aufgegeben – wie ihn weithin die derzeit maßgeblichen Textausgaben vertreten –, den einen Autortext bzw. einen scheinbar fertigen Text offerieren zu wollen, ohne dass damit das Autorprinzip grundsätzlich preisgegeben wäre.» Und weiter: «Mit meiner Textdarstellung versuche ich jeweils den ‚Text in Bewegung‘ abzubilden, soweit dies aufgrund der Überlieferungslage vertretbar ist.» (Seite 320/321)

Den Liedern ist am Fuss der jeweiligen Seite die neuhochdeutsche Übersetzung beigefügt. Dorothea Klein verzichtet auf freie Nachdichtung, bleibt vielmehr nah am Ausgangstext.

Der gewichtige Kommentarteil zu den einzelnen Minneliedern umfasst mehr als 220 Seiten und widmet sich der Überlieferung und dem Text der 85 Werke, der Form des Lieds, dem Liedtyp, dem gattungsgeschichtlichen Zusammenhang, bringt Erklärungen zu einzelnen Stellen und fügt Literaturhinweise bei. Auf das Verzeichnis der Handschriften und Angaben zu weiterer Literatur folgen eine Konkordanztabelle, Verzeichnisse der Liedanfänge und eine Zusammenstellung der Lieder in chronologischer Ordnung.

Hier und dort wird auf die gesungene (mit Instrumenten gestützte) Darbietung der mittelalterlichen Liebeslieder hingewiesen. Auch wenn die Noten-Quellen mager sind (manche Miniaturen aber bezüglich Instrumentarium aufschlussreich), wäre ein diesem Aspekt gewidmetes Kapitel dem Thema durchaus angestanden.

Der Herausgeberin, Übersetzerin und Kommentatorin Dorothea Klein ist eine facettenreiche, vielfarbige und emotional anrührende Anthologie mittelalterlicher Lyrik zu verdanken, die den Ansprüchen der Forschung wie den Erwartungen der an höfischer Dichtung interessierten Laien entspricht: Ferne Vergangenheit, nahe und voller Leben.

Zitat aus dem Buch:
«Die Liebeslyrik des deutschen Mittelalters ist eine rhetorisch genau kalkulierte Lyrik, die mit einem festen Motiv- und Formelinventar operiert. Leitmotive sind die von der Liebe ausgelösten Emotionen wie Freude, Sehnsucht, Trauer oder Leid sowie die sozialen und moralischen Qualifikationen, die Voraussetzung für geschenkte Liebe sind. […] Es ist ein relativ begrenztes Repertoire von Motiven, Bildern und Vergleichen, über das die mittelalterlichen Lieddichter verfügten. Monotonie bedeutet dies keineswegs. Es gehört vielmehr zu den erstaunlichen Leistungen der Dichter, trotz begrenzter Thematik und Motivik eine Liedkunst entfaltet zu haben, die höchst nuancenreich mit dem vorhandenen Material spielt und dabei immer wieder neue Akzente setzt.» (Seite 11)
(ws)

Minnesang. Mittelhochdeutsche Liebeslieder. Eine Auswahl. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Dorothea Klein. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2010. 576 Seiten. € 16,–. Fr. 24.50.

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