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Musik-Konzepte: Stefan Wolpe I

25.09.2010 — Er gehört zu den aus seiner Heimat Deutschland vertriebenen Künstlern und bemühte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vergeblich, dort wieder Fuss fassen zu können. Stefan Wolpe, 1902 in Berlin geboren, als Komponist grösstenteils Autodidakt und wohl deshalb von verwegen anmutender Offenheit, war geprägt durch die Bauhaus- und die Dada-Bewegung, engagierte sich für Arbeiter und Kommunisten.

1933 floh der Avantgardist, kämpferische Linke und Jude nach Wien, wo er Unterricht nahm bei Anton Webern. Ein Jahr später liess er sich in Palästina nieder, lehrte am Konservatorium von Jerusalem. Ende 1938 emigrierte er in die USA, wo er Kontakt pflegte zur Expressionismus-Szene New Yorks und an diversen Institutionen wirkte.

Ab 1956 reiste er wiederholt nach Deutschland, gab Vorträge und Kompositionskurse an den «Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik», wo vor allem amerikanische Komponisten, unter ihnen Morton Feldman und David Tudor, zu seinen Studenten zählten. Ein Brand in seinem Apartment vernichtete 1970 zahlreiche Manuskripte und Notenmaterialien. 1972 starb Wolpe in New York als Folge der Parkinson-Erkrankung.

Welch anregender Kopf und eloquent formulierender Theoretiker und Redner Stefan Wolpe war, verwurzelt in revolutionären Strömungen seiner Epoche und darüber hinausdenkend, erweist sich bei der Lektüre des 150. Musik-Konzepte-Bandes. Er enthält vier in deutscher Sprache bisher unpublizierte Vorträge, angeordnet in der Reihenfolge ihres biografischen Bezugs und eingeleitet und kommentiert durch Austin Clarkson, Thomas Phleps, Hyesu Shin und Heidy Zimmermann.

Im Einzelnen: «Was ist Kino-Musik?», ein Beitrag von 1926 zur Filmmusik (Wolpes Vater war Geschäftsführer einer Kinokette), «Die Lieder dieser Völker sind keine Museumsstücke», vier Vorträge zum Musikleben in Palästina 1938/1939, «Das Ganze überdenken» (über Unkontrolliertes in durchorganisierten Partituren; über den Umgang der Dialektik von Ordnung und Freiheit) aus dem Jahr 1959 sowie «Vortrag über Dada» (1962).

Dem mit Notenbeispielen und Abbildungen bereicherten Band I, der mit bibliografischen Hinweisen, einer Zeittafel und den Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren schliesst, soll im kommenden Jahr ein Doppelband mit Aufsätzen zu Wolpes umfangreichem Schaffen zur Seite gestellt werden.

Zitat aus dem Buch:
«So war Dada u. a. ein Akt, um alle kulturellen Verantwortlichkeiten loszuwerden – in Verteidigung des einzigartigen kulturellen Strebens der Menschen. Die Dadaisten rissen Kultur nieder, um die Menschen vom Vorurteil zu befreien, dass Kultur die Menschen vor dem endlosen Gemetzel retten könne. Das war allerdings der Punkt, den ich damals nicht begriff, weil ich zu jung war. Ich hätte mehr Zeit nötig gehabt, um das zu sehen und zu verstehen. Wir litten nur. Wir hatten nichts zu essen. Wir froren schrecklich. Und mein Vater, der damals [im Ersten Weltkrieg] Offizier war, predigte uns dumme Sprüche, die vollkommen sinnlos waren. Aber er war nur so sehr von dieser spezifischen Kultur geprägt, dass er keine andere Möglichkeit sah. So war alles ein und dieselbe Sache: eine der Revolten, eine des Ekels und eine der Versuche, die galoppierenden Täuschungen der Kultur zu retten – die einzigartige Stimme der Menschen.» (aus Wolpes «Vortrag über Dada», Seite 111)
(ws)

Stefan Wolpe I. Reihe Musik-Konzepte. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. VII/2010, Band 150. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 129 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 20,–. Fr. 30.50.

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