21.03.2010 — Ein altbewährtes Gespann: Gibt man «Musik und Humor» in die Google-Suchmaske ein, erntet man 216’000 Ergebnisse. Da kann einem sogar das Trotzdem-Lachen vergehen.
Überschaubar dagegen der Inhalt des Bandes «Musik und Humor», dessen 21 in mehr oder weniger chronologischer Folge geordnete Beiträge basieren auf den 2005 am musikwissenschaftlichen Kongress in Köln gehaltenen Referaten zum Thema «Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in der Musik».
Humor in der Musik ist, die Lektüre bestätigt dies, eine seriöse, eine tiefschürfende Angelegenheit. Und vorab eine Männerdomäne – das Buch vereinigt Referate von 3 Autorinnen und 18 Autoren. Herausgegeben wurde es von Hartmut Hein und Fabian Kolb (ihre Kurzbiografien sind bedauerlicherweise die einzigen dieses Bandes).
Ein «kompositions- und kulturgeschichtliches Kaleidoskop» verspricht das Vorwort, «zusammengesetzt als dynamische Folge von Annäherungsversuchen an einzelne, gleichwohl immer auch exemplarisch gedachte musikhistorische Gestalten und Aspekte».
Als Einstieg ins Thema wird in witziger Art Erving Goffmans Rahmen-Theorie («Frame Analysis», publ. 1974) präsentiert.
In fünf Blöcke geordnet ist die Erkundung des Phänomens Humor und seiner Schattierungen. Mit der «Frühlese» am Beginn korrespondiert die «Nachlese» zum Ausklang mit Beiträgen zur Fiktion in der Musikgeschichte, zu Don-Quijoterien in Worten und Klängen und zu Gerard Hoffnungs Humor in Karikatur und musikalischer Praxis. «Frühlese» behandelt Humor in älterer Musik: Satire und Erotik in spätmittelalterlichen Klosterschriften, musikalische Komik im 16. Jahrhundert und der «goût burlesque» in François Couperins Pièces de clavecin.
Fünf Referate widmen sich dem «klassischen» Humor anhand von Haydns Streichquartetten, Mozarts «Così fan tutte», E. T. A. Hoffmanns «Don Giovanni»-Rezeption sowie Werken Beethovens (Klaviersonate op. 31/1, Finale der Achten, Lied «Adelaide»).
«Brüche und Übergänge um 1900» stellen Richard Strauss’ «Don Quixote», vierhändige Klavierstücke von Strawinsky, das Groteske in der Musik, ferner Programmmusik und Offenes Kunstwerk bei Charles Ives in den Mittelpunkt.
Ebenfalls vier Beiträge beleuchten neue Spielformen im 20. Jahrhundert anhand der Komponisten Paul Hindemith und Eric Satie (um 1920), Darius Milhaud («opéras-minute»), Hanns Eisler (musikalische Spässe) und Mauricio Kagel und anderen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Humor in die Neue Musik gebracht haben.
Die mit Abbildungen und Notenbeispielen bereicherte Kongress-Dokumentation, als Festschrift für Wolfram Steinbeck, Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts der Universität zu Köln, zum Sechzigsten gewidmet und als Band 9 der Reihe Spektrum der Musik bei Laaber erschienen, führt mal beschwingten Schrittes, mal schweren Trittes kreuz und quer durch die musikalische Landschaft (mit Seitenblicken auf literarische und bildnerische Anhöhen), wo sich Ernst und Humor samt Anverwandten begegnen und mit Bedeutung durchdringen. Erkenntnis und Lesevergnügen gehen da Hand in Hand.
Zitat aus dem Buch:
«Das lustige Lied, in heiterer Gesellschaft vorzutragen, oder die Opera buffa gehen mit bestimmten ,performativen Rahmen’ einher; ästhetische und soziale Funktionen einer musikalischen ,Performance’ erscheinen weitgehend durch Gattungsnormen und einen spezifischen institutionalisierten Raum der Aufführung indiziert und reguliert. Das hieße allerdings, dass man zunächst (wenngleich oftmals unreflektiert) etwas von diesen kulturellen Kontexten verstehen muss, um von der vorgetragenen Musik – und ihren eventuell humorvollen Tendenzen – etwas zu verstehen.» (Vorwort, Seite 10)
(ws)
Hartmut Hein und Fabian Kolb (Hrsg.): Musik und Humor. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in der Musik. Festschrift Wolfram Steinbeck zum 60. Geburtstag. Spektrum der Musik, Band 9. Laaber-Verlag, Laaber 2010. 400 Seiten mit Illustrationen und Notenbeispielen. € 39,80.