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Mythos Nibelungen

22.04.2013 — Ein Schweizer Gelehrter, der Literat, Historiker, Dichtungstheoretiker und Autor Johann Jakob Bodmer (1698–1783), war es, der das «Nibelungenlied» auf den Weg zum Nationalepos der Deutschen brachte. 1767 publizierte er seine neuhochdeutsche Bearbeitung des um 1200 aufgezeichneten «Nibelungenlieds», von dem ein Teil 1755 im Palast Hohenems wiederentdeckt worden war.

Bodmer stellte die in mittelhochdeutscher Sprache überlieferte Dichtung in die Nähe von Homers «Ilias» und förderte so die Ausbildung eines neuen Nibelungenmythos. Die Geschichte der Burgunden, von Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brunhild, von Hagen und dem Hunnenkönig, vom Nibelungenhort, von Worms, Island, der Etzelsburg, sie ging in der Folge ein ins kollektive Bewusstsein und Halbbewusstsein und wurde in weiteren Schritten national vereinnahmt, nach- und umgedichtet, verankert in patriotischen und politischen Diskursen, schliesslich gar zum «geistigen Heiligtum einer Nation» erklärt (Regisseur Fritz Lang, «Die Nibelungen», 1924).

Aus welchen Quellen das «Nibelungenlied» genährt wurde, welche Wirkungen es entfaltete vom 18. Jahrhundert über seine Nationalisierung im 19. und die Beförderung der Grossmachtsansprüche im 20. Jahrhundert ist in diesem Buch Schritt für Schritt fachkundig erklärt und gewichtet und – im zweiten Teil – mit Texten von den ältesten Überlieferungen bis zu Heiner Müllers «Germania»-Stücken belegt sowie mit einigen Abbildungen vor Augen geführt.

Joachim Heinzle (em. Professor für Ältere Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Marburg, zu dessen Forschungs- und Publikationsschwerpunkten das Nibelungenlied und die Heldenepik zählen) geht in seiner gut 60-seitigen Einleitung bis ins 5. Jahrhundert zurück, wo die historische Grundlage der Überlieferung zu suchen ist: die vernichtende Niederlage der linksrheinischen Burgunden unter König Gundicharius durch Hilfstruppen des römischen Heerführers Aëtius um 435/436. Die Erzählung vom Untergang der Burgunden handelt in ihrem Kern jedoch von der Tötung des Burgundenkönigs Gunther durch den König der Hunnen (obwohl die historischen Fakten dies ausschliessen).

Einlässlich geht Joachim Heinzle ein auf die verschiedenen Darstellungen und Versionen der Heldensage, auf die Verknüpfung von Teilsagen, auf die Inhalte der Erzählkomplexe, auf das «Nibelungenlied» mit den uns bekannten Überlieferung und den menschlichen, sozialen und politischen Kräften, für die das Epos stand oder die ihm abgezwungen wurden.

Franzosen trieben die nationale Vereinnahmung der Nibelungen ungewollt voran: Als Folge der napoleonischen Hegemonialpolitik zu Beginn des 19. Jahrhunderts besannen sich deutsche Intellektuelle auf ihre eigene, eigenständige Kultur, und eine Fassung des «Nibelungenlieds» spielte bei der Ausbildung des nationalen Nibelungenmythos eine wichtige Rolle. Die Figuren werden dank Eigenschaften wie Treue, Tapferkeit, gerechter Sinn, Milde, Redlichkeit zu Prototypen des deutschen Menschen erhoben.

Schwerpunkte setzt Heinzle zum einen auf die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe und Entwicklungen, zum andern auf die künstlerischen Ausprägungen des Nibelungenmythos in Literatur, Musik, bildender Kunst, darunter Hebbels «Die Nibelungen» (1861) und Wagners «Ring»-Tetralogie (1848–1874) – die Geschichte der Nibelungen als Menschheitstragödien. Doch «Wie Hebbels ‚Nibelungen‘ blieb es Wagners ‚Ring‘ nicht erspart, vor den Karren des vulgären Nibelungen-Patriotismus gespannt zu werden.»

Nach der Bedeutung des Nibelungenmythos als politisches Verhaltensmuster bei der Gründung des deutschen Reichs (Bismarck = Siegfried) dann die düstersten Kapitel: die Vereinnahmung des Nibelungenmythos durch fanatische Nationalisten und die Nationalsozialisten (Dolchstosslegende, Nibelungentreue, Hitler = Siegfried).

Mit dem Ende des Dritten Reichs ging auch der nationale Nibelungenmythos unter. «Der wurde nun […] zum Gegenstand (selbst)kritischer Reflexion und Analyse in wissenschaftlichen Untersuchungen und künstlerischen Aneignungen, nicht zuletzt auch in Inszenierungen von Wagners ‚Ring‘ und Hebbels ‚Nibelungen‘. […] Wenn die Nibelungen heutzutage ‚eine deutsche Wirklichkeit‘ [Heiner Müller] sind, dann auf der Bühne.»

Nach der wissenschaftlichen Analyse (oder auch parallel dazu) das Quellenstudium: Joachim Heinzle hat im zweiten Teil des Taschenbuchs in chronologischer Folge gut dreissig in der Einleitung gewürdigte Primärzeugnisse versammelt und Einzelnes, wo nötig, in Fussnoten erläutert: Spuren der ältesten nordischen Überlieferungen, vier Aventiuren aus dem «Nibelungenlied» (original und in neuhochdeutscher Übertragung), umfangreiche Auszüge aus Hebbels Trauerspiel «Die Nibelungen» und Wagners «Der Ring des Nibelungen», literarische Zeugnisse, Reden und Lyrik u. a. von Bodmer, de la Motte Fouqué, Heine, Uhland, Dahn, Herwegh, Franz von Liszt, Josef Weinheber, Fritz Lang, Hans Naumann, Paul Celan, Heiner Müller. Was Interessierte mühevoll zusammensuchen müssten, liegt hier in aussagekräftigen Texten und Illustrationen vor.

Zitat aus dem Buch:
Der vielleicht wichtigste Schritt zur Vereinnahmung des «Ring» durch die Nationalisten wurde mit der Bayreuther Erstaufführung des Zyklus selbst getan [1876]. Wagner hatte, seinem Mythos-Begriff entsprechend, Kostüme gewünscht, die dem Publikum eine «Kulturepoche» vor Augen führen sollten, die «jeder Erfahrung, oder Anknüpfung an eine Erfahrung» fernlag. Der beauftragte Kostümbildner Carl Emil Doepler […] hat das nicht verstanden und historisierende Entwürfe angefertigt, die auf archäologischen Studien beruhten. Die Götter und Helden des «Ring» erschienen als Germanen, deren Erscheinungsbild den populären Vorstellungen entsprach, die man sich von den Vorfahren der Deutschen machte. Wagner und seine Frau Cosima waren entsetzt, mussten die Entwürfe aus Zeit- und Kostengründen aber akzeptieren. […] Diese Kostüme, deren Ikonographie der Flügelhelme und stählernen Büstenhalter bis in gegenwärtige Inszenierungen hinein nachwirkt, haben wesentlich dazu beigetragen, dass der «Ring» als «Deutsche Nationaloper» wahrgenommen wurde. Und sie haben ihrerseits das nationale Germanenbild bestimmt. (Seite 50f)
(ws)

Mythos Nibelungen. Herausgegeben von Joachim Heinzle. 359 Seiten mit 15 Abbildungen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2013. TB 20283. € 12,95. Fr. 18.90.

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