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Schubert hören. Eine Anleitung

17.10.2012 — Eine Anleitung zum Zweiten: Nachdem Michael Wersin, Musikwissenschaftler, Dozent, Sänger und Musikjournalist, vor zwei Jahren ein Buch zur Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach und dessen Schaffen verfasste, legt er nun eine Anleitung vor zur Beschäftigung mit Franz Schubert. Und – es sei vorweggenommen – dies mit ebensolch überzeugender Umsicht und Einfühlung in Persönlichkeit und Werk wie in seinem Bach-Buch.

Ging es bei Bach darum, mit den Grundlagen einer uns fremd gewordenen, im christlich lutherischen Glauben unerschütterlich verorteten Weltsicht vertraut zu machen, so handelt es sich bei Schubert darum, dessen Situation als Grenzgänger zwischen Klassik und Romantik, seine persönlichen Bedrohungen und künstlerischen Herausforderungen zwischen Tradition und Innovation in einer politisch und sozial bewegten Zeit des Übergangs zu erhellen.

Wersins Annäherung an Schubert überzeugt durch das Setzen von Akzenten, durch klare Gliederung des Stoffes und verständliche Erläuterungen auch komplexer Sachverhalte. Zwar setzt er die Fundamente der Musiktheorie voraus (sie gehören ohnehin zur kulturellen Grundausstattung), begleitet sie aber mit Erklärungen und zum Teil mehrseitigen Notenbeispielen. Letztere, 31 insgesamt, können übrigens via Verlags-Website als Klangbeispiele abgerufen werden.

Der Autor richtet den Fokus einerseits auf entscheidende biografische und kompositorische Entwicklungen (die wichtigsten Daten und Fakten sind in einer tabellarischen Aufstellung im Anhang zusammengefasst), andrerseits auf Schuberts Umfeld, seinen Freundeskreis, das soziale Gefüge und die politischen Verhärtungen und Repressionen der Metternich-Ära.

Der Gang durch Schuberts Œuvre führt mehr oder weniger chronologisch von den Jugendwerken zum Schaffen der letzten Jahre. Dabei arbeitet Wersin in unvoreingenommenen, persönlich gefärbten Analysen ausgewählter Werke heraus, was neu, was revolutionär ist an einzelnen Kompositionen, an Sinfonien, Messevertonungen, Liedern, Klaviersonaten, Kammermusiken. Und, aufschlussreich auch dies, Wersins Untersuchungen werkübergreifender musikalischer Merkmale und von Schuberts Kompositionsprozess.

Schuberts Werdegang als Komponist verbindet sich mit dem geistesgeschichtlichen Milieu, den Wohn-, Arbeits- und Wirkungsstätten Schuberts, seinen Freunden, Anhängern und Förderern, dem Wiener Musikleben und ihren Exponenten und berühmten Gästen, den musikalischen Salons, den Spannungen zwischen Konservativen und Fortschrittlern, der politisch-gesellschaftlichen Atmosphäre Wiens unter Kaiser Franz II. Michael Wersin führt interessierte Laien bedacht, stilistisch geschliffen und didaktisch geschickt in Schuberts Zeit, Persönlichkeit und Wirkungsbereich ein. Doch auch all jene, die mit Schubert und seinem Schaffen vertraut sind, legen diese Anleitung nicht ohne Bereicherung aus der Hand.

Zitat aus dem Buch:
«Vielleicht ist es Schubert oft nicht möglich gewesen, das musikalisch Schöne einfach widerspruchsfrei stehen zu lassen, weil ein solches Verharren im Idyll nicht seiner existentiellen Realität entsprach. Dass er das Idyll herbeiholen konnte aus einer Sphäre, in der es für ihn greifbar war, wissen wir durch viele seiner Werke, die mit ihrer beglückend schwere- und zeitlosen Seligkeit fast einer anderen Welt anzugehören scheinen. Aber wir erleben in seiner Musik eben auch die brutale Zerstörung dieses Zustandes oder zumindest das Aufkommen von Finsternis in unmittelbarer Nachbarschaft des beseligend Schönen.» (Seite 92)
(ws)

Michael Wersin: Schubert hören. Eine Anleitung. Mit 11 Abbildungen und 31 Notenbeispielen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2012. 210 Seiten. € 19,95. Fr. 28.50.

siehe auch:
Bach hören. Eine Anleitung
Händel & Co.
Faszination Klassik
Reclams Kirchenmusik- und Konzertführer

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